Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die jüdischen Gemeinden in Österreich
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 156 (sequence 5)
- Language
- German
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156 Max Rosenfeld: allseitige Regelung der konfessionellen Verhältnisse der israelitischen Bevölkerung zustande zu bringen, insbesondere im ganzen Lande eine entsprechende Organisierung der Kultusgemeinden durchzuführen, bei Wahrung des Grundsatzes, daß aus dem Wirkungskreise dieser Kultusgemeinden und ihrer Vorstände die Ingerenz auf die Sphäre der bürgerlichen und administrativen Gesetze auszuschließen ist". Indes wurde von der jüdischen Bevölkerung ein Versuch unternommen, die bestehenden Gemeinden noch mehr auszugestalten und gewissermaßen eine Hierarchie einzuführen. Der erste wichtige Versuch führte zur Einberufung eines speziellen Kultusgemeindetages nach Lemberg im Juni 1878, der von 25 Gemeinden beschickt war. Die Aufgabe dieser Tagung sah der Einberufer in der Herstellung eines Gemeindebundes. In der Frage der Landesrepräsentanz hatte Dr. Philipp Mansch*) ausgeführt: „Der gegenwärtige Zustand der galizischen Judenschaft, demzufolge zirka 200 Gemeinden ohne irgend ein gemeinsames Organ zusammenhanglos bestehen, ist keineswegs der ursprüngliche, sondern neu." Es wurde schließlich ein Statut für den galizisch-jüdischen Kultusgemeindetag angenommen, der berufen werden sollte, „über alle Fragen, welche die gemeinschaftlichen Interessen, die Organisierung, die Institute und Einrichtungen der galizisch-jüdischen Kultusgemeinden betreffen, gegenseitig die Ansichten und Erfahrungen auszutauschen, über die Bedürfnisse der galizisch-jüdischen Kultusgemeinden in diesen Hinsichten zu beraten und Beschlüsse zu fassen, sowie die Realisierung der letzteren auf legalem Wege zu wirken." Ferner wurde ein Musterstatut für die Kultusgemeinden ausgearbeitet und eine ständige Kommission von 15 Mitgliedern gewählt. Gegen diesen Gemeindebund entfesselten die Orthodoxen unter Führung Simon Schreibers eine rege Agitation und beschlossen im Februar 1882 auf einer Rabbinerversammlung ein Projekt bezüglich der Organisation der Kultusgemeinden, laut welchem die Hegemonie der Rabbiner gesichert werden sollte. Als Antwort darauf wurden auf Veranlassung der Lemberger Gemeinde viele Proteste an das Ministerium für Kultus und Unterricht eingesendet. In dem Memorandum der Lemberger Gemeinde lesen wir: „Da ferner die Urheber dieser (Rabbiner-)Versammlung durch Wort und Schrift eine förmliche Spaltung der galizischen Judenschaft in zwei feindliche Religionsparteien herbeizuführen sich bemühten, Haß und Zwietracht säen und bei diesem ihrem Vorgehen die Kühnheit haben, sich direkt oder indirekt auf den angeblichen Willen und Patronanz der hohen Regierung zu berufen ... in Erwägung, daß sie eine chinesische Mauer gegen die Zivilisierung der galizischen Judenschaft zu errichten und deren Assimilierung in den modernen Rechtsstaat zu verhindern suchen, Tendenzen, welche nicht nur die Interessen der Judenschaft selber, sondern des Staates und des Landes, in dem wir leben, im hohen Grade schädlich und verderblich werden müßten, beantragt die Gemeinde: dem Statutenentwurf Schreibers die Genehmigung zu versagen." ordneter und Publizist. 1878 erschien sein Buch: „Die Juden", ein Jahr später petitionierte er an das Abgeordnetenhaus und trat mit einer neuen Schrift „über die Methode und die Ziele der Verhandlungen über die Judenfrage" auf, woselbst auf S. 37ff. die „zehn Privilegien" der Juden aufgezählt und „beleuchtet" wurden. „Der Kern der Judenfrage besteht in der Existenz der Gemeinde, des Kanals." (S. 22 der letztzitierten Schrift.) *) Bericht über die Verhandlungen des I. galizisch-jüdischen Kultusgemeindetages, Lemberg 1878.