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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 151

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Ethischer Impressionismus
Date
1917-01-01
Page
151 (sequence 4)
Language
German
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Ethischer Impressionismus im Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung den Gedanken ein, den mathematisch-physikalischen Begriff der Masse auf den Umkreis der sozialen Beziehungen zu übertragen, und somit die Kategorie des Quantitativen, die euklidische Meßbarkeit auf rein menschliche Verhältnisse auszudehnen. Als weitere Folge dieser Übertragung ergab sich der höchst bedeutsame, und für die Schicksale der westeuropäischen Nationen fatale Umstand, daß der moralische Faktor der Weltgeschichte im Denken dieser Nationen nach und nach der Vorstellung von einem rein zahlenmäßig ausdrückbaren Kräfteverhältnis zu weichen begann, und daß Bewertungen und Forderungen ethischer Natur sich zuletzt nur unter der Flagge rein materieller Interessenzusammenhänge Geltung zu verschaffen suchten. Diese Nachklänge der heidnischen Antike aus dem Bewußtsein des abendländischen Kulturmenschen zu verdrängen und durch eine an Wirksamkeit ebenbürtige moralische Macht zu ersetzen erwies sich der christliche Gedanke als vollständig unfähig. Und so kam es zuletzt, daß alles, was in der abendländischen Christenheit nachdenklich gestimmt, künstlerisch und auch religiös veranlagt war, sich um den einen Pol — das individualistisch zugespitzte, ethisch unfruchtbare Erlebnis, alles hingegen, was gesellschaftlich und politisch orientiert war, sich um den anderen Pol — die ethisch indifferente Masse sammelte. Die Kluft zwischen diesen beiden Welten weitete sich und wuchs von Tag zu Tag. Die abendländische Kultur hat bisher zwei hervorragende Menschentypen gezeitigt, den Menschen der Öffentlichkeit mit seiner auf das Massige und Elementare eingestellten psychischen Struktur und den des individualistisch zugespitzten Erlebnisses mit seinen eigenbrödlerischen Instinkten und dem verfeinerten Sinn für alles subjektiv Nuancierte. Dem einen fehlt jegliches Verständnis für die Absolutheit und den Eigenwert der menschlichen Person, für die Unersetzlichkeit und Unvergleichlichkeit des seelischen Faktors, für alles, was sich auf diese oder jene Weise nicht summieren läßt, für alles, was man auf diese oder jene Weise nicht unter einen allgemeinen Nenner bringen kann; dem anderen fehlt die Fühlungnahme mit dem kräftigen Pulsschlag der breiten Massen und den Bedürfnissen der Gesamtheit. Der eine bleibt bei all seiner gemeinnützigen Geschäftigkeit ein im Grunde seines Wesens egoistischer Patron, ein banaler Philister ohne seelische Kultur, ohne Mitgefühl mit den Nöten des menschlichen, für das er sich betätigt; der andere führt ein wurzelloses Dasein in einem luftleeren Raum und ist bei all seiner mitunter hohen Begabung zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Den Ausgleich zwischen diesen beiden Menschentypen hat die abendländische Kultur noch nicht geschaffen, und es fehlt zur Zeit auch die versöhnende Formel, die den Weg zu einem derartigen Ausgleich zeigen könnte. Und nun will es mir scheinen, daß der jüdische Gedanke wertvolle Winke zur Lösung dieses Problems gegeben hat. Der Begriff der menschlichen Masse als eines der mächtigsten gesellschaftlichen Faktoren, geboren aus dem Geiste der heidnischen Antike, erwachte in den letzten Jahrhunderten bei den Nationen des Abendlandes zu einem neuen Leben. Der Einzelperson kommt in dieser Masse bloß die Bedeutung eines algebraischen Summanden zu, dessen eigentlicher Sinn sich in dem ihm angehängten Plußzeichen erschöpft, welches angibt, daß auf diesen Summanden noch andere folgen: auf diePeron als solche kommt es

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