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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 150

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Ethischer Impressionismus
Date
1917-01-01
Page
150 (sequence 3)
Language
German
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Rafael Seligmann: radische, Sprunghafte und Zuständliche, worin sich das Seelische am besten gefällt und am vorwiegendsten zur Äußerung gelangt. Auf der einen Seite — Zeit, auf der anderen — Momentaneität, auf der einen — Geschlossenheit, auf der anderen — Punktuierung. Und wenn es wahr ist, daß die einzelne Seele in ihrem absoluten Fürsichsein ein hermetisch in sich abgeschlossenes Ganze mit einer ihm eigenen Gesetzlichkeit bildet, so muß es notgedrungen auch in bezug auf jedes einzelne ihrer Momente dieselbe Geltung bewahren. Jedes einzelne Moment dieser Seele, jedes einzelne ihrer Erlebnisse bildet ebenfalls ein hermetisch in sich abgeschlossenes Reich, zwischen all diesen Welten klaffen unüberbrückbare Abgründe, und ebensowenig wie das einzelne Individuum und somit die individuelle Seele als summierbarer Teilinhalt in irgend welches Ganze eingeht, sondern eine von sich selber ausgehende und in sich selber zurückkehrende Größe darstellt, ebensowenig stellt das einzelne, sporadisch auftretende, isolierte Erlebnis der Seele einen Teil dieser dar, sondern macht eine sich selbst genügende, für sich seiende Größe aus. Wie das Leben überhaupt diese wunderbare Fähigkeit der Vervielfältigung besitzt, ohne dabei die geringste Einbuße an Ganzheit und Spontaneität zu erleiden, wie es sich in eine Mehrheit von Lebenseinheiten zu spalten vermag, in jeder einzelnen von denen es voll und ganz in die Erscheinung tritt, so wohnt auch dem Seelischen die Fähigkeit der Vervielfältigung in Momente und Erlebnisse inne, in jedem von denen es in voller Unversehrtheit und absoluter Ganzheit zum Ausdruck kommt. Der Standpunkt der euklidischen Meßbarkeit, wonach das Ganze größer als ein jeder seiner Teile ist, dem Ganzen also eigentlich ein Mehr an Bedeutung als einem jeden der Teile zukommt, muß hier beim Organischen, wie auch beim Seelischen vollständig versagen. Und wer allzu anhaltend in das innere Weben des Lebendigen hineingeschaut hat, ohne dabei dessen große Zusammenhänge zu überblicken, der wird letzten Endes zu der Einstellung auf das Momentane und Einmalige kommen müssen. Wird nun eine derartige Einstellung auf das Moralische übertragen, so erwächst daraus ein gewisser ethischer Impressionismus — ein Sichversenken und -vergraben in das Innere jeder einzelnen Lebensäußerung, ein Mitgehen und Mitleben mit jedem einzelnen seelischen Moment, jeder einzelnen seelischen Manifestation, ein unrettbares Fortgerissenwerden von jeder einzelnen seelischen Strömung und zugleich damit ein Sichwegwenden von den umfassenden und großen Prinzipien, die die menschlichen Dinge beherrschen. Dem sind gerade die besten und reinsten Repräsentanten des christlichen Gedankens verfallen. Der christliche Gedanke und die Anschauung der heidnischen Antike — zwischen diesen beiden Polen oszillierte das gesamte abendländische Denken in seinen prägnantesten Äußerungen bis in die allerletzte Zeit hinein. Aus diesem christlichen Gedanken entwickelte sich in der Folge zuerst der Begriff von der Psyche als einer fühlenden, begehrenden und vorstellenden Substanz, und dann in einiger Variierung die Vorstellung von der Stimmung als einer die jeweiligen seelischen Funktionen begleitenden Schwingung, die sich zuletzt zu der von dem subjektiven Erlebnis zuspitzte. Alle diese Vorstellungen bestimmten abwechselnd die Denkweise des abendländischen Kulturmenschen und wirkten äußerst belebend und befruchtend auf den Bereich der westeuropäischen Wissenschaft und Kunst. In entgegengesetzter Richtung wirkten aber die überkommenen Anschauungen der heidnischen Antike; sie gaben dem abendländischen Intellekt

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