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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 149

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Ethischer Impressionismus
Date
1917-01-01
Page
149 (sequence 2)
Language
German
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Ethischer Impressionismus 149 bald die anfänglich sporadisch und schüchtern aufdämmernde, mit der Zeit aber energischer auftretende Erkenntnis sich Bahn zu brechen begann, daß das einzelne Individuum in voller Unabhängigkeit von jeder Zugehörigkeit zu einem Ganzen irgend welcher Art eine in sich hermetisch abgeschlossene Welt von einer ihr allein angehörenden Gesetzlichkeit darstellt, sobald also vor aller naturphilosophischen Betrachtung und Erwägung begriffen wurde, daß das Individuum in der Tat eine unteilbare, und noch mehr als dies — eine unsummierbare Größe bildet. Wahr ist allerdings, daß diese Konzeption eines rein personalen Wertexponenten bereits in der antiken heidnischen Philosophie sich zu regen anfing, aber zugestanden muß werden, daß erst das christliche Denken dieser Konzeption die volle Ausprägung und das richtige Relief verlieh, und daß die einzelne Person nur durch dieses Denken aus der Umklammerung der Gruppe befreit wurde. Nicht ohne Absicht reden wir hier überall vom christlichen Denken und nicht etwa vom Christentum schlechthin, denn ein Anderes ist das Christentum in seiner späteren Organisierung und ein Anderes in seiner ursprünglichen Fassung, so wie es uns in den Vorahnungen und Intuitionen seiner Urheber entgegentritt, ein Anderes das Christentum als kirchliches System und ein Anderes als die Lehre von der Seele. Die Lehre von der Seele. Denn diese uns heute so geläufige Vorstellung von der menschlichen Seele als dem unfixierbaren Ort alles Fühlens und Wollens, die Vorstellung von der Seele als dem unfaßbaren Inbegriff aller in sich abgeschlossenen, über sich nicht hinausgehenden emotionalen Regungen wurde von diesem Gedanken lange vor allen metaphysischen Spekulationen in der diesbezüglichen modernen philosophischen Literatur vorweggenommen und aus seiner Versenktheit in die physiologischen Funktionen des individuellen Organismus als eine für sich seiende Potenz herausgelöst. Und weil diese Seele vom christlichen Gedanken als ein Wesen sui generis konzipiert und proklamiert wurde, als ein Wesen, das in seiner Einzigartigkeit und Ausschließlichkeit keine direkte Angliederung an etwas anderes zuläßt, so mußte auch notgedrungen dessen Inhaberin, die einzelne Person dem Bereiche der euklidischen Meßbarkeit entzogen, und konnte nunmehr nicht länger irgend welchem übergreifenden Ganzen gesellschaftlicher und staatlicher Natur in jener Weise untergeordnet werden, wie es sich der antike Mensch vorgestellt und gedacht hatte. Der Vorrang der Gruppe erlitt dadurch einen nicht wieder gut zu machenden Schaden — das Rückgrat des Personenhaften hingegen erfuhr eine außerordentlich intensive Stärkung. Das Personenhafte und Seelische — aber nicht das eigentliche Persönliche; und darin liegt die ganze Schwäche der christlichen Konzeption gegenüber der jüdischen Anschauung, die m etwas engerer Fühlung mit dem Denken der antiken Welt in dieser Beziehung auf dem absoluten Fürsichsein der menschlichen Person nicht so energisch und einseitig verharrte, und die im scharfen Gegensatz zu den Gedankengängen des ursprünglichen Christentums den durchgreifenden Unterschied zwischen Persönlichem und Seelischem um so energischer markierte. Denn zwischen Persönlichem und Seelischem klafft ein tiefer, fast unüberbrückbarer Gegensatz: während eines der Hauptmerkmale der menschlichen Persönlichkeit in dem esten Zusammenhalten aller vereinzelten Daseinsmomente besteht, während as Bewußtsein von der Kontinuierlichkeit des psychischen Geschehens einen er wesentlichsten Züge dieser Persönlichkeit ausmacht, ist es gerade das Spo-

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