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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 147

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Widersprüche
Date
1917-01-01
Page
147 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Widersprüche 147 zuzuschreiben — ist es doch gegen dieses beliebte Verfahren so gut wie wehrlos; und seine gepeitschtesten untersten Elemente sind tatsächlich — und um wieviel mehr erst jetzt, in der Kriegsnot — besonders zahlreich und besonders sichtbar. Natürlich stehen sie auch alle „in kriechender Untertänigkeit, hoffnungsvoller Geschäftigkeit, nervös, beinah außer sich vor Erregung, beim Anblick der hochgewachsenen Herrscherrasse in Uniform". Es braucht ja nicht jeder zu wissen, auch ist es von wenig Belang, daß es noch Stellen gibt (z. B. Odessa, Saloniki), an denen sorgfältige anthropologische Messungen einen höheren jüdischen Durchschnittswuchs ergeben haben, als denjenigen nahezu aller europäischen Völker. Worauf es aber hier ankommt, ist nicht dies, und auch nicht die Abweisung der unmöglichen Gegenüberstellung von verzweifeltem Bettelvolk, in dieser Zeit, in diesem Lande, und Offizieren des deutschen Okkupationsheeres. Es sei nur ein Wort über die tiefere jüdische „Machtphilosophie" (auch für weniger fremde Ohren) gesagt. Dem okzidentalen Gefühl ist das Herrschenkönnen eine Gnade Gottes, das Herrschenwollen eine ungebrochene Urleidenschaft der Seele. Für das östliche religiöse Seelenerleben aber gilt — um eine hierfür von Scheler gegebene Formulierung zu benutzen —: „Dienen in Gott ist besser als Herrschen in Gott". Das Herrschen selbst ist Dienen in Gott, nur der Diener in Gott kann, höherem Gebote folgend, die ethisch so schwere Bürde des Herrschens ohne seelische Scham über die eigene Erhebung tragen. So steht denn das herrscherische Kriegertum im Osten niemals an der ersten Stelle, zu der es seit Makedonien und Rom in Europa aufgerückt ist: der antike Orient ist in diesem Punkte ganz einig, die Brahmanen haben ihn zum obersten Prinzip ihres Kastenwesens gemacht; Kreter, Etrusker und Karthager, auch Piaton und Augustin, seien hier nur von fernher erwähnt; die griechisch-christliche Orthodoxie lebt noch heute ganz im Banne der Dienstschaftsidee. Im Judentum nun ist diese Idee schlechterdings Grundstein alles religiösen menschlichen Seins. Gotteswort und Gottesdienst sind die kardinalen Pfeiler des gesamtmenschlichen Lebens, bilden den allein übersterblichen Inhalt dieses Lebens. Dieses Judentum gab äußerlich einmal selbst ein „Führervolk" und eine „Herrscherrasse" ab — und gerade damals wurden seine ewigen Prägungen geboren, übertönten sie am stärksten auch nur die geringste Regung des Willens zu dem elenden bißchen bloßer irdischer Macht. „Nicht durch Waffen und nicht durch Rosse, sondern durch Deinen Namen, o Herr" — diese innige abgrenzende Gebärde verschwindet nie aus der religiösen Dichtung der Juden, von den ältesten Zeiten bis zu den neuesten. Der eigentliche Herrscherinstinkt ist im Judentum wesentlich und für alle Zeiten überwunden: nicht aus der äußerlichen Verelendung, nicht aus dem Gefühl der Ohnmacht, nicht aus dem Sklavenressentiment heraus (der kapitale Fehler Friedrich Nietzsches) sondern aus dem zuinnerst positiven Imperativ seines Weltgefühls, das Gott allein die Herrschaft zubilligt, wie denn auch die tagende Erde, dieser erste Lebensnerv aller nationalen Entfaltung, einzig Ihm gehört — „denn Mein ist das Land, denn Fremde und Ansassen seid ihr vor Mir" (Lev.25,23). Die anderen Nationen werden dem Jüdentum zum Teil auch weiterhin mit physi- 10*

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