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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 148

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Widersprüche
Date
1917-01-01
Page
148 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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148 Rafael Seligmann: sehen Herrscherallüren entgegentreten: Zeichen einer nur gewollten Überlegenheit, die auch der Letzte aus unserem Volke als unendlich tiefstehend ansieht und immer ansehen wird. Soeben ist aber wieder eine wirklich östliche Nation zu eigenem Worte gekommen: und ihr erster Schritt war die im tiefsten Wesen durchaus freiwillige, bei aller oberflächlichen Politisierung durchaus religiöse Selbstentäußerung an immenser Macht, die eine volksfremde Überschicht Jahrhunderte hindurch als Gnade Gottes ansah, mit dem Recht beliebiger Unterdrückung aller anderen Völker verliehen. Der Alp ist dahin. In neuen Gewändern tritt er an anderen Stellen neu auf, wird zum Schiboleth eines neuen Evangeliums der Tat durch die Macht für die Macht. „Wirklichkeitsfremd" lebt indes das vieltausendjährige Volk weiter in seiner „erträumten Welt der Vorstellung", an der auch der Ärmste seiner Ärmsten voll teilnehmen kann. In dieser „Betäubung und Einschläferung", in dieser „endlosen Wiederholung", in diesen „Zeitvergeudung und Nichtstun" versenkt es sich, immer noch, in das uralte überlieferte Bild seines Gottesreichs, das noch nie auf Erden eingetreten ist und keinerlei rationale Aussicht auf jemalige Verwirklichung besitzt. Dieweil das gleißende Schicksal der äußeren Weltgeschichte brüllend weiter rollt, ungeahnte Gestaltungen sich über den endlosen Trümmern zu erheben beginnen, und die neuen Söhne des jüdischen Volkes sich darauf besinnen, daß in der Ursprache ihrer Väter die beiden Grundpfeiler der Welt, Thora und Awoda, Gotteswort und Gottesdienst, buchstäblich Lehre und Arbeit bedeuten. TT Herman Glenn ETHISCHER IMPRESSIONISMUS Das muß man dem Christentum lassen: der christliche Gedanke hat das menschliche Individuum aus allen Zusammenhängen gesellschaftlicher und staatlicher Natur, aus allen Einfügungen in Systeme aller Art, aus allen örtlichen und zeitlichen Fixierungen als ein Wesen für sich in absoluter Reinheit und Selbständigkeit herauszuheben gesucht — ein Gedanke, der die gesamte antike Welt, das Judentum nicht ausgenommen, unsagbar verblüffen und verwirren, ein Unterfangen, das den antiken Menschen in dessen festgewurzeltesten Denkgewohnheiten aufs heftigste erschüttern und auch verletzen mußte. In den Augen des antiken Menschen war das einzelne Individuum nur Glied einer Gruppe, Ring einer Kette, Teil eines Ganzen. Mochte dieses Ganze in welcher Gestalt immer auftreten, in der Form eines Staatswesens, der einer Nation oder einer Religionsgemeinschaft, stets handelt es sich dabei um ein quantitatives Prinzip, unter dessen Gesichtswinkel die antike Denkweise die einzelne Person betrachtete und beurteilte und dem sie ihre Wertschätzungen unterordnete.*) Dieses die gesamte Anschauungsweise des antiken Menschen durch und durch beherrschende Prinzip des Quantitativen mußte sofort eine empfindliche Bresche erhalten, so- *) Für diese Denkweise war es daher selbstverständlich und keines Beweises bedürftig, daß ebenso wie das Ganze mehr als jeder einzige seiner Teile bedeutet, auch der Gruppe eine größere Bedeutung als jedem einzelnen ihrer Glieder zukomme.

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