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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 146

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Widersprüche
Date
1917-01-01
Page
146 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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146 Herman Glenn: bleiches majestätisches Moseshaupt mit schönen hohen Schläfen unter den dünnen und schmutzigen Locken von einer aschgrauen Decke abhebt; die Stirne weist einen Adel der Linie auf, der nicht lügt, und den Jahrhunderte des Ghettoelends nicht zerstören konnten." — An vielen Stellen des ganz obenhin geschriebenen Büchleins schlagen uns warme und edle Töne entgegen, die wir bei derart flüchtigen fremden Beobachtern sonst nicht gewöhnt sind. Ein unbefangener lebendiger Humor bewahrt hier auch im ungewohntesten Milieu des östlichen Großstadtghettos das wache aufmerksame Auge, die Ruhe der Auffassung und Schilderung; in frischer Sorglosigkeit und kühner Verallgemeinerung wird das schwierige Thema von Sinn und Wesen der so abweichenden Menschenart der Ostjuden angepackt und beantwortet. Die unfaßlichen Widersprüche solchen Seins sind für den Europäer nicht leicht zu überwinden, auch nicht, wenn man — in einem vagen Kapitel über „Die Zukunft der Ostjuden" — die Vertreter der neueren nationaljüdischen Geistesrichtungen in voller Anerkennung zu Worte kommen läßt. Über die widerästhetische Mischung von Schande, Groteske und Tragik findet der an klaren Bildern auferzogene Geist den sicheren Weg des Verstehens nicht, und zieht sich durch kräftiges Abschütteln, mit ungewähltesten Worten, wie sie drüben sonst die kleine Boykottpresse produziert, aus der unliebsamen Affäre. Um jener anderen Worte aber, um der Ahnung der Seelischen willen, werde hier einige Klarstellung den Dingen zuteil. Der jüdische Beobachtungskreis, aus dem heraus die oben wiedergegebenen Eindrücke einer Kriegsreise stammen, beschränkt sich auf das Gebiet der Straße und einiger öffentlichen Institutionen. Wahrlich, es gibt genug Schändliches dort zu sehen; nicht Vieles in der Welt lebt in einer solchen, durch lange Perioden raffinierter Unterdrückungskunst zur Reinkultur herabgezüchteten Verelendung, wie das jüdische Unterproletariat des Ostens. Aber daraus auf den Genius des Volkes schließen? Erstaunlich, daß es dem Fremden an zwei-drei Stellen wirklich mit freiem Blicke gelingt — erstaunlicher freilich, wieviel darüber er sagen zu dürfen vermeint. Also in steter Furcht leben diese Leute des Ghettos vor allem; sogar in Städten scharen sie sich zusammen aus Angst vor Pogromen . . . Schade, daß die Zeit so kurz gewesen ist; nur aus diesem Grunde wohl hat der Autor in seinem Sichtbezirk nichts von jener nicht unerheblichen Schicht bemerkt, die das Volk drüben, weit mehr mißbilligend als rühmend, „wojle Jüngens" (wohle Jungen Kraftburschen, Gewaltkerle) nennt — alles eher als Ritter, alles eher als sans reproche, doch gewiß so ziemlich sans peur . . . Man spricht von ihnen lieber nicht in Gesellschaft; obwohl sie für Momente, wie in der schwülen Pogromzeit 1907, in Warschau zu einem positiven sozialen Faktor aufschössen — vielleicht hat damals ihr fürchterliches Eingreifen gerade noch ein Unglück wie in Bialystock abgewandt. Schließlich müssen die unbegreiflicherweise immer noch nicht ganz ausgerotteten extremen physischen Volkskräfte irgendwo eine Art Betätigungsfeld suchen; und glücklich fühlt sich ein jüdischer „wojler Jüng" für gewöhnlich nicht — Tausende von ihnen sind zu ehrenwerterem Sein schon über das große Wasser gegangen. Sogar dergleichen also gibt's, von den jüdischen Soldaten zu schweigen; doch um wieviel bequemer ist es, dem ganzen Volkstum eine generelle Angstpsychoche

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