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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 145

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Widersprüche
Date
1917-01-01
Page
145 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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WIDERSPRÜCHE Unter dem Titel „Deutschland und Polen" hat der schwedische Autor Fr. Böök eine Schrift veröffentlicht, deren Verdeutschung*) wir einige Zitate aus dem Kapitel über „Die Juden in Warschau" entnehmen möchten. „Aus Armut und Sorge, aus Lumpen und Verwahrlosung leuchtet doch eine geheimnisvolle seelische Ausstrahlung von menschlicher Größe." „Man kann sich des einen entsetzlichen Eindruckes nicht erwehren: das ist ein Volk von Faulenzern und Tagedieben, ein Volk, das die harte Arbeit nicht kennt, das Ganze wirkt wie Ungeziefer, wie sinnlos krabbelndes Ungeziefer. Mit einem Blick versteht man alle Schändlichkeiten der Pogrome, die rohe Reaktion der Fäuste und der Reitpeitsche und den schonungslosen Boykott der Polen, und man versteht das alles mit einem Schauer von Schrecken, Mitleid und Gewissensbissen." „Im Ghetto schluchzen die jungen Schwärmer, die verstoßenen und verirrten Seelen mit dunklen unergründlichen Augen, sie träumen vom gelobten Land, von der neuen Sonne über einer neuen Welt." „In Wahrheit, sie sind die Unerlösten. Man darf niemals glauben, daß das tiefste Gefühl, das zu innerst in ihnen brennt, etwas anderes als Furcht und Bangen ist. Man darf nicht glauben, daß sie auch nur eine Sekunde lang das Gefühl dafür verloren haben, daß sie in Feindesland sind." „Die Schrift ist für die Juden heiliger, als die Fahne für die Soldaten; sie ist Vaterland, Religion, Geschichte, das Gefäß des Göttlichen; die zerlesenen Bücher dürfen nie zerstört werden, sie werden zuletzt auf eine Bahre gelegt und feierlich im Friedhof begraben; auf die gleiche Weise verfährt man mit den Pergamentrollen des Buches Thora, wenn sie bei einem Pogrom oder bei Kriegsunruhen durch fremde Hände besudelt wurden. Wie ergreifend ist nicht dieser blinde Kultus des Wortes und der Schriften, wie wirklichkeitsfremd und fanatisch!" „In der Synagoge . . . Die wiegende Bewegung aller Körper schmilzt mit fern einschläfernden Gemurmel zusammen, und einen Augenblick lang ist es mir klar, was dieser Gottesdienst eigentlich ist: Betäubung, Einschläferung, Opium gegen Sorge und Not, endlose Wiederholung, Zeitvergeudung und Nichtstun, die den Charakter der Frömmigkeit angenommen haben. Und die Studien des Talmud sind auch nichts anderes: sie sind eine Flucht von allen Aufgaben und Problemen hinüber in eine Welt der Vorstellung." >,Dieses Volk ist wie das Unkraut: es kann niedergetreten, aber nicht ausgerottet werden." »Sieht man durch ein zerschlagenes Fenster hinab in eines der schwarzen, von Feuchtigkeit triefenden Kellerlöcher — so kann man sehen, wie sich ein * ) München 1917, Bruckmann. Heft 3. 10

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