Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der jüdische Kapitalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 136 (sequence 7)
- Language
- German
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136 Bemerkungen nung ein; sie werden der Markgenossenschaft einverleibt, besitzen Grund und Boden, bekleiden Ämter, halten Sklaven. Kurz: sie sind trotz ihrer Heterodoxie Freie unter Freien, und ihre Wirtschaftsweise unterscheidet sich in keiner Hinsicht von der der Völkerschaften des europäischen Westens und der Mitte*). Die Fremdheit und mit ihr auch die Eigenart der jüdischen Wirtschaft beginnt erst mit dem Assimilierungsprozeß zwischen den christlichen Römern und den ursprünglich arianischen, dann aber christlich gewordenen Germanen**). Das römische Gesetz verliert allmählich seine Geltung, und mit ihm geht auch die Identifizierung der Juden mit den cives Romani in Vergessenheit. Losgetrennt von Grund und Boden, für dessen Besitz ihnen die öffentlich-rechtliche Grundlage verloren ging, werden sie in die Lage der Volksfremden herabgedrückt. Seit diesem Moment nimmt auch die jüdische Wirtschaft eine eigenartige Wendung. Die Juden sind unter festangesessenen, agrikolen Völkerschaften zu einem fluktuierenden Element geworden. Es war also eine natürliche Folge der Umstände, daß sie sich anderen Wirtschaftsgebieten als die ihrer Wirtsvölker zugewendet haben. Die Entwicklung führt vom Fremdenrecht, von der Vogelfreiheit zu der als rechtliche Schutzangehörige des Reiches anerkannten Lage der Juden, von dieser wieder zur Kammerknechtschaft.** *) Die Wirtschaft der Juden wird immer mehr in den Bannkreis der Finanzpolitik ihrer Schutzherren gerückt, und diese Abhängigkeit, die bis zur Judenemanzipation ununterbrochen besteht, ist auch der mächtigste Faktor, der die Juden in die Arme kapitalistischer Wirtschaftsformen treibt. Die Juden sind ein regale und müssen ihre Duldung mit den größten materiellen Opfern erkaufen; sie müssen daher solchen Wirtschaftsformen zustreben, die unter den gegebenen Verhältnissen den größtmöglichen Gewinn in Aussicht stellen. Das Band zwischen den egoistischen Kapitalsinteressen der jüdischen Schutzherren *) Vgl. unsere: Anfänge des jüdischen Kapitalismus, 1907, S. 12ff. **) J. Scherer: Rechtsverhältnisse der Juden in den deutsch-österreichischen Ländern, I. ***) Vgl. Täubier: Zur Geschichte der Kammerknechtschaft (Mitteil. d. Gesamtarchivs d. deutschen Juden IV p. 44ff.). und dem jüdischen Kapitalismus wird stets enger geknüpft. Im Kampf um das Ausbeutungsrecht hinsichtlich der Juden wechseln die Sieger: zunächst sind es die Grundherren, dann die Städte, die Geschlechter, späterhin die Zünftler. Judenplünderungen folgen auf Judenplünderungen: die Leidensgeschichte, ja wahrlich die Leidensgeschichte des jüdischen Kapitalismus! Je kleinlicher, je bornierter der Sieger, desto größer der jüdische Blut- und Gutabfluß. So am Ausgang des Mittelalters und zum großen Teil noch im 16. Jahrhundert unter der Herrschaft des engherzigen verzopften Spießbürgertums. Die Juden des europäischen Westens und der Mitte sind um diese Zeit vollständig verarmt. ,,Arm wie ein Juden Wucherer I" heißt es damals im buchstäblichen Sinne des Wortes.*) Die wenigen Reichen waren in diesen Zeiten fast ausschließlich nur unter solchen Juden zu finden, die ... als Christen reich geworden waren. Die paar Dutzend Marranenfamilien, welchen es gelungen war, einen Bruchteil ihrer großen Vermögen nach den Einwanderungsgebieten herüberzuretten! Den Umschwung bringt erst die Unterordnung der Städte unter das Fürstentum und die Einordnung in die Territorial- und Volkswirtschaft der Fürsten. Ein Prozeß, der bereits im 15. Jahrhundert wurzelt, aber erst seit dem 17. Jahrhundert zum Durchbruch kommt.**) Die Judenwirtschaft wird von nun an immer mehr durch die Judenpolitik der Territorialherrscher bestimmt. Die Landesherren haben — fast möchte man sagen: den Grundstein gelegt für den modernen Kapitalismus der Juden. Ihre Devise lautete bekanntlich: „Nur daß Geld im Lande bleibt, ist der lapis philosophorum". Zwischen Fürstentum und Kapitalismus bestand aus militärischen und zum Teil auch aus wirtschaftspolitischen Gründen eine enge Interessengemeinschaft; also mußten die kapitalistischen Interessen durch die Fürsten *) I. A. Zehnter: Zur Gesch. d. Juden in Baden-Baden. (Zeitschrift f. d. Geschichte des Oberrheins, Neue Folge, Bd. XI p. ZI1)} vgl, zur Verarmung der Juden in dieser Zeit überdies: Geigers Zeitschrift f. d. Gesch. d. J.inDeutschlandlllp. i5o,Bondy-Dworsky: Regesten Nr. 457. **) G. Schmoller: Die Bevölkerungsbewegung d. deutschen Städte (in Gierkes Festschrift, 1911) p. 219 ff.