Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der jüdische Kapitalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 135 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 135 gleichen Lebensformen zeitigte usw. Ihm ist der Jude schlechterdings: Amschel Rothschild in großer oder kleiner Ausgabe! In welch schiefes Licht auf diese Weise die jüdische Wirtschaftsgeschichte gestellt wird, ist nicht hier der Ort ad oculos zu demonstrieren. An anderer Stelle *) werden wir diese Frage mit Zuhilfenahme eines reichlichen geschichtlich-statistischen Materials beleuchten. Hier sei bloß erwähnt, daß das jüdische Großkapital und Unternehmertum, soweit wir auch zurückblicken, stets in Händen weniger Patrizierfamilien anzutreffen war, während die Masse des jüdischen Volkes in armseligen Verhältnissen lebte und eine wirtschaftliche Ideologie sich zurechtmachte, die die Idee der bürgerlichen Nahrung in den Mittelpunkt gestellt hat (vgl. die bezüglichen Stellen über Reichtum und Armut, über Genügsamkeit, gerechten Preis usw. in den vielgelesenen, ja fast zerlesenen mittelalterlichen Testamenten jüdischer Frommen, in den jüdischen Volksbüchern: Sefer chassidim, Sefer hamidoth, Brantspiegel, Simchath hanefeS usw., überdies einige jüdische Volkslieder aus dem 16. und 17. Jahrhundert, schließlich für das 18. Jahrhundert die Ideologie des Chassidismus!). Wir wollen damit andeuten, daß die Frage des jüdischen Kapitalismus prinzipiell auf die nach der Entstehung des jüdischen Patriziats hinzielt. Daß also die Beantwortung dieser Frage vielmehr in familiengeschichtlichen Forschungen, die sich mit jüdischen Patriziern befassen, zu suchen ist, als im großen Meer des geschichtlichen, jüdischen Volkslebens. Und nun einige Bemerkungen zur Sombartschen Lehre von dem Zusammenhang zwischen Heterodoxie und jüdischem Kapitalismus. Unzweifelhaft liegt ihr ein gesunder (wenn auch nicht neuer) Gedanke zugrunde. Die Heterodoxen haben stets das beste Material *ur Unternehmernaturen abgegeben. Sie mußten durch besondere Tüchtigkeit ihren Platz unter der Sonne rechtfertigen. Nur darf *e Bedeutung dieser Triebfeder des Unternehmertums nicht überschätzt werden. Gerade bei den Juden sehen wir, daß häufig inre^ausglebigste und erfolgreichste ökoti *\ Wi^werden demnächst einige der wichi?uhleme der Jüdischen Wirtschafts- W e in bes°nderen für diese Zeitschrift ^stimmten Studien behandeln. nomische Betätigung Hand in Hand mit der religiösen Anpassung an die Wirtsvölker ging. Man denke bloß an den Unternehmungseifer und den Reichtum der Marranen in Spanien und Portugal, an die Portugiesen (jüdischer Abstammung) in Frankreich. Die Freiheit, die Sicherung des jüdischen Besitzes haben stets größere wirtschaftliche Energiezentren unter den Juden hervorgezaubert, als der bittere Stachel der mit der Andersgläubigkeit gepaarten Sonderstellung. Man beachte die wirtschaftliche Glanzperiode der Juden in Polen und der Türkei während des 16., in Holland während des 17. Jahrhunderts. Man beachte die Freiheiten, die sie damals in diesen Ländern genossen haben. Anderseits hat aber auch die Heterodoxie vielfach zur Entfaltung der jüdischen Wirtschaft beigetragen. Auf die jüdische „Ketzerei" ist zunächst die eigenartige soziale Lage der Juden zurückzuführen. Ihr Fremdencharakter, ihr Halbbürgertum. Also jene Faktoren, welche auf die Hinüberleitung der wirtschaftlichen Betätigung des jüdischen Patriziats (zumal in Westeuropa) in die Bahnen des Kapitalismus von ganz besonderer Einwirkung gewesen waren. Stets hat das jüdische Großkapital wirtschaftliche Lücken ausfüllen müssen, stets mußte es für sich neue Gebiete erschließen, wollte es sich trotz der Fesseln, die ihm die Fremdengesetzgebung der einheimischen Wirtschaftssubjekte im Laufe der Zeit auferlegt hat, neben dem einheimischen Unternehmertum behaupten. Man bedenke bloß jene gleichsam wunderbaren Wege, die das jüdische Kapital eingeschlagen hat, als ihm durch die vom Fremdenprinzip getragene Judenpolitik der einheimischen Machtfaktoren eine wirtschaftliche Position nach der anderen streitig gemacht und schließlich aus dem Besitz geschlagen wurde. Wir möchten dabei ganz besonders den Umstand unterstreichen, daß die jüdische Wirtschaft nicht durch die Heterodoxie der jüdischen Wirtschaftssubjekte als solche, sondern eigentlich erst durch den aus der Heterodoxie hervorgegangenen Fremdencharakter der Juden kapitalistischen Formen zugeführt wurde. Denn nicht immer ging die Heterodoxie der Juden Hand in Hand mit deren Fremdencharakter. Fast zwei Jahrhunderte lang nach dem Zusammenbruch der alten Welt waren die Juden trotz ihrer Heterodoxie keine Fremden. Als Gleichberechtigte, als cives Romani, treten sie in die neue Ord-