Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der jüdische Kapitalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 137 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 137 gepflegt werden. Den Juden ebnen sie den Weg zum kapitalistischen Unternehmertum einerseits durch das System der Privilegierungen (HofJudentum), andererseits durch eine rücksichtslose Bevölkerungspolitik, die sich zum Ziel gesetzt hat, kapitalsarme Judenelemente vom Lande fernzuhalten und eine Zersplitterung der Judenvermögen zu verhindern (Vermögensnachweis als Bedingung der jüdischen Seßhaftigkeit, numerus clausus, Patente gegen Bettel-und „pohlische" Juden, Heirats- und Erbfolgebeschränkungen, „Porzellan"- und „Modell*'-Juden etc). Der Erfolg blieb nicht aus, wenn er auch lange genug auf sich warten ließ. Bezeichnend ist nämlich der Umstand, daß ein erstarktes jüdisches Bürgertum im westeuropäischen Wirtschaftskreis erst gegen Mitte des 18. Jahrhunderts erscheint. Ein Beispiel aus den Frankfurter Verhältnissen wird uns die Entwicklung des jüdischen Bürgerstandes und des jüdischen Kapitals (sohin statisch auch die des jüdischen Kapitalismus) sehr deutlich veranschaulichen: im Jahre 1556 betrug in Frankfurt der Prozentsatz jüdischer Familien, die einVermögen zwischen 5-15000 fl. besaßen, i6°/0, ein jüdisches Vermögen über 15000 fl. wird damals nicht ausgewiesen; während des 17. Jahrhunderts schwankt der Prozentsatz zwischen 6—10%, um das Jahr 1750 steigt er auf 22%, 1800 macht er 46°/0 aus.*) Das Beispiel ist typisch, wie wir dies an der Hand zahlreicher vermögensstatischer Belege aus der Zeit von 1500—1800 gelegentlich feststellen werden. Wir sind mit unsrer Darlegung der wichtigsten Faktoren des jüdischen Kapitalismus zu Ende und glauben genügend Gründe aufgewiesen zu haben, aus denen der Zusammenhang zwischen Heterodoxie und jüdischem Kapitalismus, wie ihn Sombart auffaßt, nicht im vollen Maße aufrechterhalten werden kann. Es soll schließlich ganz allgemein angedeutet werden, daß außer den von uns angeführten, noch viele andere Momente für den Kapitalismus des Westjudentums in Betracht kommen. Wir sehen jedoch von einer näheren Analyse derselben ab, da wir sonst Probleme behandeln müßten, die in die Rahmen der Sombart-Brentano-Kontroverse nicht mehr hineingehören. Ignaz Schipper 0 Berechnet auf Grund der Zahlen in der Tabelle bei Dietz: Stammbuch der Frankfurter Juden, p. 433. Verwaltung Der österreichische Abgeordnete Karl Renner hat ein grundgescheites Buch veröffentlicht: Österreichs Erneuerung*). Das Buch ist ein Programm der politischen Neugestaltung der Donaumonarchie und berührt, obwohl es die Juden nur flüchtig erwähnt, natürlich in mannigfachster Weise jüdische Interessen. Seine wesentliche Forderung, die Autonomie der nationalen Verwaltung, ist längst Gemeingut der politischen Ideologie der National juden Österreichs. Hierüber müßte von sachkundiger Seite noch das Nötige gesagt werden. In dieser kurzen Bemerkung soll nur darauf hingewiesen werden, wie die Darlegungen Renners auf manche innerjüdische Probleme ein helles Schlaglicht werfen. Durch das ganze Buch zieht sich, in immer neuen Wendungen, ein Grundgedanke: Renner warnt vor der Überschätzung dessen, was man landläufig „Politik* * nennt, und fordert dafür eine um so größere Beachtung der wirklichen innern Struktur des Völkerlebens, die durch die Politik nur verschleiert wird. So haftet in der Außenpolitik, dem Verhältnis der Staaten zueinander, die politische Auffassung zu sehr an der groben Oberflächlichkeit des Staatsgebietes und der Staatshoheit und übersieht darob vollständig die ökonomischen Abhängigkeiten, durch die ein politisch souveräner Staat zur bloßen Kolonie eines andern herabsinken kann (Rußland im Verhältnis zu seinen Gläubigern; umgekehrter Fall: Kanada im Verhältnis zu England). Wie wenig ferner die Politik und der Lärm, den sie schlägt, die wahren inneren Verhältnisse charakterisiert, dafür ist Österreich ein Beispiel, das im Kriege ein ganz anderes Gesicht zeigte, als [nach seinen innerpolitischen Verhältnissen vor dem Kriege erwartet werden konnte. Das Schwergewicht des Staates liegt längst nicht mehr in der Gesetzgebung, sondern in der Verwaltung. Der politische Einfluß eines Volkes in einem Völkerstaate, sein Anteil an der Gesetzgebung ist weniger wichtig; von entscheidender Bedeutung ist allein, ob das Volk genügenden Spielraum für eine Verwaltung seiner Angelegenheiten hat, ob es diese Verwaltung gut zu führen weiß. Man sieht unschwer, wie *) Österreichs Erneuerung. Politisch-programmatische Aufsätze. Wien 1916, Verlag Ignaz Brand & Co. 3 Bde.