Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der jüdische Kapitalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 134 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101128-3101837--1376-3102004- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
134 Bemerkungen Kapitalismus sei sie ohne Belang. Er begnügt sich mit der Feststellung der „Tatsache", über die „unter sachlich Urteilenden kein Zweifel herrschen kann", daß im geschichtlichen Augenblick, als der Kapitalismus sich zu entfalten beginnt, die Juden bereits mit einer Fülle von händlerischen und rechnerischen Eigenschaften ausgestattet waren, die sie vor vielen anderen ihrer Umgebung ausgezeichnet haben (S. 910). 3. Schon die Gegenüberstellung der Brentanoschen Ansichten und der des „neuen" Sombart erlaubt uns festzustellen, daß die Reibungsfläche in den Ansichten der beiden Nationalökonomen sich wesentlich verringert hat. Die Gegensätze sind letzten Endes auf den einen prinzipiellen zusammengeschrumpft: Brentano erblickt den ersten Flügelschlag des jüdischen Kapitalismus in der religiösen Wandlung, die die jüdische Religion seit dem babylonischen Exil erfahren hat (Entstehung des „Judentums") und in der im Zusammenhang damit entstandenen nationalen Exklusivität der Juden sowie in ihrer hochmütigen Überlegenheit gegenüber den Andersnationalen. Sombart (der „neue") verallgemeinert das Problem: er charakterisiert den jüdischen kapitalistischen Geist als den des kapitalistischen Unternehmers und sieht die Herkunftsstätte des Unternehmertums in der Heterodoxie, im „Ketzertum". Die Heterodoxie verschließt die Tore des öffentlichen Lebens und führt die ganzen Lebenskräfte der Häretiker dem Wirtschaftsgebiet zu. Brentano betont mehr die subjektive Seite des Problems, die der doppelten Moral, die mit der nationalen Absonderung bei den Juden in ihrem Verhältnis zu den Völkern zum Vorschein gelangt haben soll — Sombart begnügt sich mit den Zusammenhängen zwischen der durch die Heterodoxie geschaffenen sozial-politischen Lage der Juden und ihrer daraus resultierenden wirtschaftlichen Befähigung und Betätigung. Die Brentanosche Erklärung krankt an einem prinzipiellen Mangel: ist der Zusammenhang zwischen dem geistigen Altkapitalismus der Juden (nebenbei: ein Gegenstück zur Sombartschen Irrlehre vom materiellen Altkapitalismus der Juden) und ihrer religiös - nationalen Sonderstellung richtig, dann müßte er als allgemeine soziologische Regel auch bei anderen Völkern festgestellt werden können. Nun betätigen sich im Altertum, gleich den Juden, und noch in größerem Maße als diese, am Handel, diesem „ersten kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb" (wie Brentano selbst den Handel nennt, S. 16), Völker, deren Götter keinen Anspruch auf Alleinigkeit erhoben, deren Verhältnis zu Andersgläubigen keineswegs von jener nur den^Juden angeblich anhaftenden, hochmütigen Überlegenheit gekennzeichnet war. Kurz, wie kommt es, daß auch Phönizier, Griechen, Syrer usw. vom kapitalistischen Geist ergriffen waren, obwohl ihre Götter in gutem Einverständnis mit denen der Nachbarn und Eroberer gelebt haben? Und noch eins: Brentano zitiert an einer Stelle seines Buches (S. 175/6) einen schönen Satz von Pasquale Villari, in welchem gewarnt wird, die verschiedensten Perioden untereinander zu mengen . . . Was soll uns der Flug ins Altertum nützen, wenn uns für die Kontinuität jenes geistigen Altkapitalismus der Juden kein Beweis erbracht wird?! Liegt doch zwischen jenem nach Brentano so verhängnisvollen J. 597 v. Chr. und der modernen kapitalistischen Hochperiode ein Zeitraum von nur 2V2 Jahrtausenden! Um wieviel bescheidener ist Sombart (immerhin der „neue" Sombart!), wenn er sich mit der unzweifelhaften Tatsache zufrieden gibt, daß die Juden gegen Ausgang des Mittelalters zum Kapitalismus befähigt waren, und seine Untersuchung lediglich für die Neuzeit anstellt. 4. Wie unzweifelhaft die Richtigkeit dieser Sombartschen Prämisse hinsichtlich einer jüdischen Schicht ist — nennen wir sie gleich: hinsichtlich der dünnen jüdischen Patrizierschicht —, so muß sie dennoch in der Verallgemeinerung auf die Gesamtheit der Juden abgelehnt werden. Wir berühren damit den vielleicht schlimmsten Fehler, der im Sombartschen Judenbuch steckt und noch im Judenkapitel seines „Modernen Kapitalismus" spukt. Ein methodologischer Fehler, der zu den sonderbarsten Schlüssen führt. Nach Sombart sieht es aus, als ob die Gesamtheit der Juden eine und nur eine soziale und Wirtschaftsklasse während des geschichtlichen Lebens gebildet hätte. Daß die Juden seit jeher sozial und wirtschaftlich differenziert waren, fällt ihm nicht ein. Um so weniger interessiert ihn das Problem, wie sich jene Gruppen zueinander verhalten haben mochten, welcher Geist sie erfüllte, ob er die