Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der jüdische Kapitalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 133 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 133 derne Kapitalismus"*) erscheinen ließ. Ein völlig neues Werk, in das von dem Text der ersten Auflage — nach Versicherung des Verfassers — kaum ein Zehntel aufgenommen wurde. Sehen wir nun, ob und welche Wandlungen die Ansichten Sombarts über die Bedeutung des jüdischen Einschlags für den Kapitalismus seit seinem Judenbuche erfahren haben. Entsprechend dem Zweck dieser Besprechung werden wir uns lediglich auf jene Sombartschen kehren beschränken, gegen die Brentano ins Feld zieht. Wie im Judenbuche, bringt Sombart auch in seinem großangelegten „Der moderne Kapitalismus* ' die gegen Ausgang des Mittelalters sich vollziehende Verschiebung des Schwerpunktes des Wirtschaftslebens vom europäi-" sehen Süden nach Nordwesteuropa in engen Zusammenhang mit der Wanderung der spanisch-portugiesischen Juden nach diesen Gegenden (p. 898). Nun wird aber in dem „einseitigen" Judenbuch die Judenwanderung als „großes, welthistorisches Ereignis" geschildert. Im Sombartschen System erscheint sie nicht mehr als der einzige treibende Faktor der Umwälzung, sondern — wie es auch zu erwarten war (vgl. Judenbuch p. 7/8) — als eine der vielen Ursachen, die das europäische Wirtschaftsleben einer entscheidenden Wendung zugeführt haben. Die an „das große Ereignis" im Judenbuch anschließende, ergänzende , »Feststellung*4, Israel führe dort den wirtschaftlichen Niedergang herbei, von wo es sich wegwendet, ist im „Modernen Kapitalismus" spurlos verschwunden. Der Verfasser scheint im Laufe der Zeit zu einer besseren Einsicht gelangt zu sein. >t Er bringt uns eine noch viel wichtigere Überraschung: über das Kapitel des Judenbuches, welches der Feststellung des inneren Zusammenhanges zwischen der jüdischen Religion und dem kapitalistischen Geist gewidmet ist, wird ein großer Strich gemacht. Staunend über das „Lebendige im Geiste" Sombarts erfahren wir nun von ihm, er finde (trotz Max Weber, der das vielbestrittene Kapitel des Judenbuches „verschuldet" hat) selbst im Puritanismus viele Hemmungen des kapitalistischen Geistes und sei geneigt, den Hauptanteil an dem Einflüsse auf die Wirtschaftsgesinnung dem „Ketzertum« als solchem, nicht einem bestimmten Religionssystem oder einer "). München und Leipzig 1916. bestimmten Sekte zuzuschreiben (S. 881.) An die Stelle der Parallelität: Judaismus — Puritanismus usw. — Kapitalismus, stellt er eine neue auf: Ketzergeist — Kapitalismus! Ketzergeist ist ihm der Geist der Auflehnung gegen Schlendrian, Indolenz, Selbstgenügsamkeit. Ketzer sind heimatlos. In der Heimat verfolgt, werden sie zu Emigranten; der Emigrant wird zum Fremden in der neuen Heimat. Vom „Fremden" geht wieder überall dort, wo es sich um religiöse, politische und wirtschaftliche Umwälzungen handelt, jede Anregung aus. „Ketzer", „Fremde" waren aber in Europa vorwiegend Protestanten und Juden. Dies auch der Grund, auf den ihr hervorragender Anteil an der Herausbildung des kapitalistischen Unternehmertums zurückzuführen ist (S. 884ff. sowie S. 910). Bei den Juden gesellten sich diesem Hauptmoment beim Ausgang des Mittelalters*) noch einige andere fördernde Schicksalsfügungen hinzu, die sie für die kapitalistische Mission besonders geeignet gemacht haben: 1. ihre räumliche Verbreitung und die daraus resultierende „great correspondence", 2. ihr Halbbürgertum, 3. ihr Reichtum, 4. ihr Geldleihertum (S. 911 ff.). Wir vermissen in dieser Kausalkette die „Urveranlagung" der Juden, den Saharismus, über den sich das Judenbuch so verbreitet. Die Analyse jener äußeren Bedingungen, denen das kapitalistische Unternehmertum der Juden entsprungen sein soll, füllt das ganze 26, Kapitel des „Modernen Kapitalismus" aus. Auf die „Urveranlagung" deutet Sombart bloß in einem Satze hin, in dem er ganz allgemein behauptet, die Aus? nahmestellung der Juden in der Geschichte des europäischen Kapitalismus sei sowohl durch die eigentümliche Veranlagung des jüdischen Volkes, als durch seine besondere Lage während der frühkapitalistischen Periode begründet (S. 909). Der Fragestellung, ob diese „eigentümliche Veranlagung" auf die Rasse oder auf den Einfluß der jüdischen Leidensgeschichte zurückzuführen ist, weicht er mit der Erklärung aus, für den Zweck seines Buches über den *) Nur weiß man nicht recht, wann nach Sombart das Mittelalter endet und die Neuzeit einsetzt: auf S. 430 beginnt er die neue Geschichtsepoche mit dem Zeitalter Dantes, auf S. 526 wiederum mit den Eroberungen der Portugiesen in Afrika und Ostindien (1415 bis 1511).