Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der jüdische Kapitalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 132 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen verleiht. Das Buch Hiob und der Psalm 73 legen beredtes Zeugnis gegen die Sombartsche Theorie von der Rechenhaftigkeit des Verhältnisses des jüdischen Menschen zu seinem Gott ab. Desgleichen Psalm 104 und Jesaia 40 gegen seine These von der abstrakten Geistigkeit und dem Mangel aller Anschaulichkeit bei den Juden. Selbst, wenn per inconcessum das do-utdes - Verhältnis zwischen dem jüdischen Menschen und Gott zugegeben werden sollte, so kann es doch nicht als etwas spezifisch Jüdisches bezeichnet werden. Jene rein geschäftsmäßige Auffassung der Beziehungen zwischen Mensch und Gott findet sich ebenso bei anderen Völkern des Orients, wie bei den Griechen und Römern, ja selbst im Christentum, wo sie sich gar nicht unter dem Einfluß des Judaismus, sondern unter dem des Platonismus ausgebildet hat. Sie ist eben eine allgemeine Religionslehre. Übeidies hat sie auf die Wirtschaftsorganisation gar keinen Einfluß geübt. (Der Sündenablaßhandel, wie er im Mittelalter getrieben wurde, hat die Ketten des Traditionalismus, in die das Wirtschaftsleben gefesselt war, nicht um das geringste zu lockern vermocht.) Den polemischen Teil seiner Abhandlung beschließt Brentano mit einer glänzenden Abfertigung der Sombartschen Bewertung der jüdischen Eigenart. Bekanntlich stammt nach Sombart der jüdische Mensch aus der Wüste, er ist Beduine und bleibt ein solcher bis in die Gegenwart hinein. Saharismus soll aber der Nährboden des Rationalismus sein, jener rechnerischen Veranlagung, die den Kapitalismus ausstrahlt. . . Nun zeigt aber Brentano mit einer geradezu unbarmherzigen Sachlichkeit, daß die Wüstenbewohner nicht anders als die primitiven Völker jedweder Rasse geartet sind. Ihre Eigenschaften sind durch das Vorherrschen des Gefühls über den Verstand, des Impulsiven,über die nüchterne Überlegung, der Intuition und Phantasie über Methode und Berechnung gekennzeichnet. Also gerade das Gegenteil dessen, was Sombart behauptet. Und nun die Darlegung Brentanos, wie die Juden zum Kapitalismus gekommen sind. Ursprünglich sind die Juden kein Handelsvolk gewesen. Seit der Besitzergreifung Kanaans betätigten sie sich als Viehzüchter, Ackerbauer und Handwerker. Selbst nach der biblischen Zeit haben sie Landbau getrieben. Aller der Handel, den sie vor dem Exil trieben, ist nicht geeignet, ihnen den Charakter eines Handelsvolkes zu geben. Von folgenschwerer Bedeutung für die Juden und ihr Wirtschaftsleben wird erst das Jahr 597 v. Chr., mit welchem die eigentliche jüdische Diaspora beginnt. Im Exil geht zunächst in der jüdischen Religion eine tiefe Umwandlung vor. Jahwe wandelt sich aus einem das Land Kanaan, ähnlich wie andere Götter ihre Länder, beherrschenden Gotte in den allein wahren Gott, dem „die Völker sind wie Tropfen am Eimer und Stäubchen auf den Wagschalen". Die scharfe Betonung der Alleinigkeit Jahwes bildet die Grundlage, auf der sich die nationale Exklusivität der Juden inmitten anderer Völker entwickelt. Von Babylon aus verbreiten sich die Juden nach Ost und West. Den Völkern, in deren Mitte sie wohnen, tragen sie als alleinige Bekenner des wahren Gottes hochmütige Überlegenheit entgegen, die in ihrer selbstgewollten scharfen nationalen Absonderung zum Ausdruck kommt. Diese Entwicklung hat nun den wirtschaftlichen Charakter der Juden vollständig geändert. Betrachteten die Juden die Völker, unter die sie verschlagen wurden, als Fremde, so ergab sich für sie aus diesem Verhältnis recht bald das Streben nach dem größtmöglichen Gewinn als leitendes Prinzip. Die Übertragung der mit der Entstehung des Judentums eingetretenen feindlichen Haltung gegen die Andersgläubigen auf das wirtschaftliche Gebiet erfolgt zum Teil schon in Babylon (6. Jahrh. v. Chr.), wo sich die Juden vielfach als Großhändler betätigen. Die Wandlung zum Kapitalismus äußert sich alsbald auch in dem jüdischen Gelddarlehen. So wird beispielsweise im Leviticus Kap. 37 Vers 137 das Zinsennehmen noch ohne jedwede Einschränkung verboten, dagegen erscheint in dem im Exil entstandenen Zusatz im Deuteronomium Kap. 23, Vers 20/21, das verzinsliche Darlehen an einen Andersgläubigen als ein der religiösen Ethik nicht mehr widersprechender Gegensatz. Die Juden fangen an, die großen Geldverleiher zu werden, sie werden Steuerpächter, Zollaufsichtsbeamten usw. Kurz: mit der Geburt des „Judentums" d. i. der Anschauung von der Alleinigkeit Jahves schlägt auch die Geburtsstunde des jüdischen Kapitalismus. 2. Ein seltsamer Zufall wollte, daß unabhängig von der Brentanoschen Publikation, Sombart fast zur selben Zeit den ersten Band der zweiten Auflage seines Buches „Der mo-