Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der jüdische Kapitalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 131 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 131 sehen National Ökonomen Lujo Brentano zu einer Auseinandersetzung*) herausgefordert, die durch den Ernst der Beweisführung und die Schärfe der Polemik an die berühmtesten Fälle wissenschaftlicher Fehden erinnert. Das Sombartsche Buch wird da als „eine der betrüblichsten Erscheinungen auf dem Gebiete der deutschen Wissenschaft" gebrandmarkt, als das Buch „eines sich als Übermensch fühlenden Übermütigen, der die Seifenblasen seiner Laune dem durch Geistreicheleien verblüfften Leser mit souveräner Verachtung ins Gesicht bläst" ... „Zuchtlos ist sein ganzes Buch. Von dem zuchtlosen Geist in der Wissenschaft aber gilt dasselbe wie von der Schönheit des zuchtlosen Weibes." Wir wollen nun in aller Kürze skizzieren, wie Brentano sein unerbittlich hartes Urteil begründet: Es wird zunächst gezeigt, wie grundfalsch die Sombartsche These ist, der moderne Kapitalismus sei mit der Austreibung der Juden aus Spanien gegen Ausgang des Mittelalters entstanden. Während Sombart die Verlegung des Schwergewichts des ökonomischen Energiezentrums aus dem Bannkreise der südeuropäischen Nationen unter die nordwesteuropäischen Völker als Folgeerscheinung der Judenwanderung aus den spanisch-portugiesischen Gebieten nach den großen belgischen und deutschen Handelsstädten darstellt, beweist Brentano, daß die Grundlagen des modernen Kapitalismus noch in das Altertum zurückreichen und daß insbesondere jene Judenwanderung nach den nordeuropäischen Städten die Folge und nicht die Ursache des daselbst ernporblühenden Wirtschaftslebens gewesen ist. „Nicht wo Israel hinkommt, sprießt neues Leben empor, sondern wo ein wirtschaftlicher Aufschwung stattfindet oder zu erwarten ist, da zieht Israel hin." **) So zog denn Israel beim Anbruch der Neuzeit nach den Niederlanden, wo in dieser Zeitperiode der wirtschaftliche Aufstieg vornehmlich durch die Wendung im Gange des Welthandels (Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Ostindien), das Aufblühen der Manufakturen der nordischen Länder gegen Ende des 15. Jahrhunderts sowie die politischen Mißgeschicke Italiens angebahnt wurde. ^Undjmn wendet sich die Spitze der Beweis- *) Lujo Brentano: Die Anfänge des modernen Kapitalismus, München 1916. Noch vor Brentano hat dieses Kausalverhaltnis Franz Oppenheimer erkannt (Neue Rundschau 1911 Heft 7). führung Brentanos gegen die zweite Hälfte der Sombartschen Behauptung, daß, wo Israel wegzieht, alles modere, was bisher geblüht hat. Spaniens Verfall steht nach Brentano nicht mit der Vertreibung der Juden, sondern mit der der Moriscos in Zusammenhang. Die letzteren seien für Spanien unersetzlich gewesen, während die wirtschaftliche Rolle der Juden als Geldverleiher und Geldwechsler alsbald reichlich durch die oberschwäbischen Kaufleute (Fugger) und die Genuesen ersetzt wurde. Noch mehr: gerade nach der Vertreibung der Juden erreichen Spanien und Portugal unter Karl V. und Manuel dem Großen den Höhepunkt in ihrer Geschichte. Desgleichen die großen deutschen Handelsstädte: Köln, Augsburg, Straßburg, Erfurt, Nürnberg und Ulm, für die das 15. und die Hälfte des 16. Jahrhunderts, also die Zeit der „Entjudung", zugleich die Periode der höchsten Blüte ist. Auf der anderen Seite ist in Gebieten, in die sich die meisten spanisch-portugiesischen Juden geflüchtet haben, vor allem in der Türkei, in Nordafrika, Italien, Polen aus der Einwirkung der Einwanderer eine wirtschaftliche Blüte gar nicht hervorgegangen. Ist es also völlig falsch, das wirtschaftliche Werden und Vergehen der Völker mit dem Kommen und Gehen der Juden in Zusammenhang zu bringen — so kann auch der moderne Kapitalismus keineswegs als Ausstrahlung des homo judaicus, wie es Sombart haben will, aufgefaßt werden. Der Bewertung des jüdischen Wesens widmet Brentano den weitaus größten Teil seiner Ausführungen. Bekanntlich glaubt Sombart in Anlehnung an die Untersuchungen Max Webers über den Puritanismus in dem Ideenkreise der jüdischen Religion die ältesten Ausstrahlungen des kapitalistischen Geistes entdeckt zu haben. Judaismus ist ihm gleich Rationalismus und Rationalismus gleich Kapitalismus. Die jüdische Religion ist ihm nicht ein Erguß des. Herzens, sondern ausschließlich das Werk des rechnenden Verstandes. Dabei wird das Quellenmaterial, das Sombart zur „Beweisführung" aus Bibel und Talmud schöpft, gar sonderlich mißhandelt Brentano beschränkt sich bloß auf das Alte Testament und kommt zum Schluß, daß die alt-, testamentarischen Grundanschauungen durchaus unkapitalistisch sind. Unkapitalistisch ist die Eigentumsordnung des A. T., wonach es nur einen Besitzer gibt: Jahwe, der jeder Familie den ihr gebührenden Anteil am Lande