Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Aus "Der Gerichtstag"
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 120 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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120 Franz Werfel: Soll ich Dein Antlitz aus den Nächten heben, Auf deren Grund es treibt, vom Gott entführt, Dein Schreiten heben, Lachen, Tanz und Schweben Aus Pol, Traum, Fremde — kühl und ungeschürt? Und bist Du da, soll ich mich gut ergeben In müdes Fließen, das Dich nicht mehr spürt? Soll ich im Wagnis eines Blickes leben, Und sterben, wenn mein Schatten Dich berührt?! Engel 0 Engel, wie aus alter Kindheit kühn Schwebt heilig noch Dein Knie, doch Deine Füße mühn Mit kleinen wunden Härten sich durch unsere Pflaster-Welt. Dein hoher Schritt erstickt in Schuhn, Doch Deine Schultern, freie Geister ruhn Mit höheren Scheinen unserm Gang gesellt. Wie hast Du den Vater einst geliebt, — Der nicht mehr am Fenster steht und Antwort gibt — Als Du durch Reifen sprangst in tiefer Garten-Zier . .. Wir aber tun Dir weh und beugen uns vor Dir. O Engel, Du weißt nichts von Deiner Hand, Darein die Botschaft ist getan und ausgesandt! Wo Deine Hand hinlangt ist Tat. Sie ist unsre hohe Schaffnerin und edle Magd. Sie hebt den Eimer, häuft das Holz und legt Des Kranken Leib zurecht. Der Armut Stube trägt Ein tiefes Glimmen, wenn die Hand den Boden kehrt. Sie rührt ihn an, es brodelt Wohlgeruch auf totem Herd. Schwindsüchtige lächeln um den Tisch. — Doch wir Wir tun Dir weh und beugen uns vor Dir. 0 Engel, sprich, von welcher alten Sünde wund, Von welchem Abfall blüht dein breiter Frauenmund, Daß ganz vergeßnes Sehnen Deine Lippen füllt, Wenn Deine Hand in Asche taucht und Müll? 0 welchem Kuß beugt er sich zu, der Dich verstieß In Jodgeruch und Chloroform-Verließ? Wenn Deiner Augen Dreiklangs-Licht uns tränkt, Die Hand nicht unsre Tierheit scheut und Schlaftrunk mengt, Dein Mund in hoher Fremdheit schmachtet, — Engel, wir Wir tun Dir weh und beugen uns vor Dir.