Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Strindbergs Historische Miniaturen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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I03 Gustav Landauer: Strindbergs Historische Miniaturen Vergangene und Zukünftige weisenden Schauplatz. Hinauf werden wir geführt^ auf einen der Türme von Notre-Dame. Es ist der 18. Brumaire, Napoleons Staatsstreich; die Revolution ist aus. In dem Turmzimmer hausen ein Aristokrat, der sich die ganze Zeit der Revolution über da versteckt hatte, und sein früherer Diener, der Turmwächter des Nordturms. Freie Zeit hat der uralte Rüstige genug, und so ist er Buchbinder im Nebenamt; alle Stiche aus der Revolutionszeit hängen an der Wand und vergegenwärtigen uns schnell noch einmal die große furchtbare Zeit. Hundert Jahre ist der Plebejer schon alt, und wie er nun im sausenden Sturm aufs Dach hinaustritt, muß er sich an den Dämonen, die da oben in Stein hausen, festhalten. Hinaus aber muß er, um dem Glöckner des Südturms durchs Sprachrohr die Botschaft zuzurufen: Alle Glocken sollen geläutet werden, die Revolution ist aus! Noch einmal, einen letzten Abend lang, sind sie Brüder, sein Herr und er, noch einmal sitzen sie zur Mahlzeit zusammen, dann kehrt der Herr ins Leben, in die Vornehmheit zurück; die Trennung, die Trennung der Stände hebt wieder an. Und, uneins wie immer, rekapitulieren sie, was sie von ihrer hohen Warte da oben mitangesehen haben. Aber bezeichnend für Strindberg in all seinen Perioden — er ist trotz all seinen tiefen Wandlungen und seinem schweren Weg zur Reife immer der nämliche — bezeichnend ist, daß hier wie etwa in dem Drama,,Fräulein Julie'4 bei aller Zweiseitigkeit des Dramatikers das eigentliche Wort der Geschichte nicht der Herr, sondern der Diener spricht. So nah sich Strindberg einmal mit Nietzsche berührt hat, er hat immer zwischen Vornehmheit des Gefühlslebens und Macht der Vernunft und des Willens unterschieden, hat Seelenadel und müden Hinabstieg bei den alten Geschlechtern und Bevorzugten, herrenmäßige Kraft bis zur Gemeinheit aber bei den von unten Aufstrebenden, bei den Freiheitskämpfern gefunden. Wie denn der Graf von der Rohheit zu reden anfängt, die mit den Revolutionären zur Herrschaft gekommen war, da fällt ihm der alte Knecht ins Wort, um trocken zurückzugeben: ,,Warten Sie mal! Ludwig XIV. hatte zwei Kammerherrn, denen er jährlich 20000 Livres zahlte, daß sie jeden Morgen seinen hohen Nachtstuhl untersuchten und hinaustrugen; zu einer höheren Stufe der Rohheit konnten's die Sansculotten auch nicht bringen." Und so wird die Hinrichtung Ludwigs XVI. und Marie-Antoinettens fest entschlossen gerechtfertigt; wenn's so was irgend in der Welt gibt, waren sie Landesverräter: ,,Reden Sie nicht von Märtyrern, denn dann werde ich böse! Ich werde nämlich böse, wenn ich eine Lüge höre." Und die Ursachen von alledem? Ach, wie weit muß man da zurückgehen, bis zur Ursünde im Paradies — „Die Revolution war ein Gottesgericht, das kommen mußte." Und so plaudern sie weiter, uneins und achtungsvoll vertraut, und der Alte gedenkt des Größten, was ihm die Revolution gebracht hat: Das war die gemeinsame Arbeit aller Stände und Klassen zum Verbrüderungsfest auf dem Marsfeld. Das Alte, die Trennung, die Ungleichheit und Unterdrückung kommt nun wieder? Gewiß kommt es wieder, einmal, zweimal, dreimal taucht es noch einmal auf wie der Ertrinkende, aber das viertemal bleibt es auf dem Grund. O ja, doch, trotz allem, er glaubt an das Gute und seine Verwirklichung: „Ja, ich glaube, glaube wie Thomas: wenn ich gesehen habe! Und ich habe gesehen! In dem Augenblick auf dem Marsfeld, da sah ich!"