Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Strindbergs Historische Miniaturen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 109 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Martin Buber: Vorbemerkung über Franz Werfel 109 Und auf die unwillig-ungläubige Frage des Grafen: „Wie lange sollen wir warten?" gibt der Knecht, der gerade im Alter des sehenden, des sterbenden Faust steht, „der Weisheit letzten Schluß" zur Antwort: „Nicht dasitzen und warten sollen wir, sondern arbeiten! Dann vergeht die Zeit." Dieser Glaube, der — in aller Resignation — tätig ist, wird — er weiß es gewiß, er sieht es — die Menschheit erlösen. Und dann können sie nicht mehr reden: die Glocken heben an. Die Lippen bewegt er noch, aber kein Ton ist vor dem gewaltigen Erzklang zu hören: die Menschenlippe wird stumm, wo der Geist der Zeiten dröhnt. „Aus der Tiefe der Jahrhunderte schien das Geläute zu kommen, das das alte Jahrhundert aussang und das neue, das in ein paar Wochen beginnen sollte, einläutete, das neunzehnte Jahrhundert seit der Geburt des Erlösers, der verheißen wiederzukommen und es vielleicht tun wird, so oder so." Geduld — die Zeit ist völlig ohne Ende — Hoffnung also und Arbeit — mit diesen Glockentönen klingt die Dichtung aus. Nachwort: Und hier am Schluß fällt das Wort, von dem ich zu Beginn ausging und das nun wiederholt sei: „Jetzt ist die Verheißung an Abraham: ,In deinem Namen sollen alle Geschlechter gesegnet werden!' auf dem Wege, sich zu erfüllen; auf dem Wege, sage ich." Messianisch ist die Anschauung, der Glaube, der Wille, der hier zum Ausdruck kommt. Frage keiner, was solche Geschichtsdichtung, die vom jüdischen Geist ausgeht und im jüdischen Geist mündet, dem Juden solle. Wir Juden haben nicht bloß unser Amt an der Menschheit; die Wege, die die Menschheit nimmt, Umwege, Irrwege, schwere und gefährliche Wege, die Wege der andern Völker werden auch um unsertwillen gegangen, sind auch unsre Wege. Sind nicht unser ganzer Weg, nehmen uns nichts von unserer besonderen Aufgabe ab, sind auch unser Weg. Unser Weg auch der Weg Europas bis zum 18. Brumaire, unser Weg auch, was dann kam bis März 1848, unser Weg auch, was anschloß und weiter geht über unsre Zeiten hinweg. Hermsdorf bei Berlin, März 1917 Gustav Landauer VORBEMERKUNG ÜBER FRANZ WERFEL „ ..., daß ich in mir die tausend Schmerzen und Verzerrungen des neuen Ghettos erkenne, bekenne und zu überwinden kämpfe und als einziges Heilmittel die Errichtung eines unhysterischen gereinigten nationalen Selbstbewußtseins sehe ..." Franz Werfel (in einem Brief) Tch habe mit Lobrednern und Anzweiflern keinen Zusammenhang. Einem Dichter gegenüber sind mir Erwartungen und Enttäuschungen fremd; seine Gegenwart macht mich alles vergessen, was ihr Entwicklung nennt. Ich mache eure Hausse- und Baisse-Notierungen nicht mit; als sein erstes Gedicht mich berührte, habe ich ihm (wohl wissend, welche Problematik ich einlasse) die