Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Strindbergs Historische Miniaturen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Strindbergs Historische Miniaturen 107 Wie sehr Strindberg gewillt ist, dem einzelnen Menschen kein Recht &ufs Glück, und das Recht aufs Leben nur zu gewähren, wenn und solange die Menschheit für ihr Werk dies Leben braucht, das sehen wir an seiner Darstellung des Dreißigjährigen Krieges. Was der in seiner währenden Wirklichkeit war, davon erlangen wir durch Strindbergs starke Bildkraft schauderhafte Anschauung; wir sehen arme Wichte, die einen Gehängten vom Galgen geholt und ihn zur Nahrung gebraten haben, im Kreis herumsitzen; sie warten gierig, bis der Braten gar ist, singen dabei aber im Gefühl ihrer schrecklichen Sünde ein Miserere — — und doch —! „die endgültige Freiheit von Rom war für Norddeutschland erreicht, und die" — sagt Strindberg, der freie Geschichts-Christ, der dem Katholizismus die eine und dem Protestantismus die andre Stelle anweist — „konnte nicht teuer genug erkauft werden." In ein andres Bereich der Gegensätzlichkeit zwischen dem Einzelcharakter und seiner historischen Aufgabe führt das wilde Barbarenstück, das uns in prachtvollem Tempo Peter den Großen von Rußland vorführt. Die Gestalt — er hat sie gut studiert bei den Vorarbeiten zu seinem Karl XII. — steht da, fest und sicher wie eine große Dramengestalt. Das ist der Barbar, der Rußland zivilisiert hat, der Städtebauer, der für seine Person ein einfacher Bauer bleiben wollte. Und mit der lächelnden Milde eines Mannes, der für sich selbst Verzeihung braucht, und in einer Art, die russischem Geist verwandt scheint, schließt Strindberg ab: „Im Öffentlichen war sein Leben groß, reich und fördernd; im Privaten, wie es sein konnte ..." Und so wird unser Dichter, der sich für sich und die Menschheit schämt, daß es in dieser unsrer Welt so übel zugeht, und der doch nicht darauf verzichten will, im sehr Irdischen und Menschlichen Gottes Spuren zu gewahren, schließlich im vorletzten Stück auch Voltaire gerecht Den läßt er selber erst sagen und dann fragen: „Große Männer, kleine Schwächen, oder sagen wir lieber: große Schwächen. Wir, Monsieur, sind keine Engel gewesen, aber die Vorsehung hat uns zu großen Dingen benutzt. Ist es ihr gleichgültig, wen sie in die Hand nimmt? Ist's ihr einerlei, wie wir im Fleisch leben, wenn wir bloß den Geist hochhalten? Sursum corda! Hoch die Herzen!" Den Wunsch hat er freilich, der alte Pessimist, es möchte einmal ein Menschengeschlecht kommen, das das Leben von Anfang an richtig, niedrig nämlich, einschätzt. „Oder gehört es etwa zur Kur, daß wir uns gehörig mit Schlamm einschmieren müssen?" Den Leib im Schlammbad, den Blick gen Himmel gewichtet, — so zeigt uns Strindberg ja auch den Dichter in seinem „Traumspiel". Immer erwachsen die Gedankengänge, die in dieser Darstellung kahl herausgehoben werden, lebendig aus der einmaligen Situation; und in Bildern, die sich ▼on selbst ergeben, lebt sinnenkräftig der Sinn. Diese melancholisch tapfern E>lnge sagt Voltaire, überalt, zum Sterben reif in seinem Ferney, am Fuß des Montblanc: „Gute Nacht, Montblanc", ruft der Greis heiter-bereit, „du hast einen weißen Kopf wie ich und stehst mit den Füßen im kalten Wasser wie ich!" Und nun zum Schluß, zum Gipfel dieser Menschheitsdichtung: Die französische Revolution wird lebendig, aber nicht in irgend direkter Schilderung; er Dichter liebt den Abglanz, die Spiegelungf den verkürzenden und zur Geschichte zusammenrückenden Rückblick, und dazu noch den symbolisch ins