Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Strindbergs Historische Miniaturen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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io6 Gustav Landauer: kehr Christi. Und nicht gar lange währt es, bis sie — in den Kreuzzügen — 'die große Erneuerung des Christentums erwarten, aber das Grab ist noch heute in den Händen des Islam; und was geistlich und ekstatisch begann, hat weltlich und üppig geendet. Und es ersteht die Antike wieder, Kunst und Schönheit, Weisheit und Wissenschaft, Pracht und Verbrechen kommen mit der Renaissance; und Luther, der junge Mönch, sieht das alles in Rom und entsetzt sich. Und war es schon in dem Stück, das die Kreuzzüge behandelte, einem Juden im heiligen Land und seiner Familie vorbehalten, den „christlichen** Märtyrertod zu sterben, den sogenannte Christen über sie verhängen, so ist im Rom Julius* des Zweiten der Jude Elias, der Luther Unterricht im Hebräischen erteilt, der einzige „Christenmensch", den er in der heiligen Stadt fand. Mit der Renaissance beginnen die Zeiten, wo das Geschichtsmaterial, das uns vorliegt, mehr Farbe, mehr Einzelheit, mehr Psychologie gewinnt. So tritt denn nun, gleich am Schluß des nächsten Stückes, das bezeichnenderweise Das Werkzeug heißt, der leitende Gedanke besonders stark hervor. Das Werkzeug ist wieder einmal ein monarchischer Unhold, Ludwig XL von Frankreich. Der gesteht, wie's ans Sterben geht, seiner Lebtag habe er aus schlechten Motiven gehandelt, habe nur an sich gedacht, habe sein Volk nur benutzt, sei eid- und vertragsbrüchig gewesen. Da tritt aber einer in die Tür, ein junger Priester, der das Bekenntnis als Beichte auffängt: Vincent von Paula. Der erteilt die Strindbergische Absolution an den Mann des Absolutismus, an den Verbrecher, im Namen des Absoluten, das sich in die Relation und Bewegung begeben hat, im Namen des Gottes der Geschichte: wohl waren seine Absichten nicht rein, aber ohne sein Wissen, fast gegen seinen Willen hat er Großes gewirkt: das einige Frankreich ist da, Frankreich wird nun für eine Geschichtsspanne die Vormacht Europas werden, der Krieg mit England ist nach hundert Jahren endlich zu Ende; und der unreine Mann hat geschichtlich Besseres bewirkt als die reine Jungfrau von Orleans, die Frankreich vorher gerettet hatte. „Danken Sie Gott, Sire, daß Sie haben dienen dürfen!" Und ein Mann, der so böse ist wie der König selbst, spricht sarkastisch den Epilog: „Henker haben auch ihr Amt!" Nun aber naht die Zeit, wo's der Rute nicht mehr bedarf; die Kinder, die Völker sind erwachsen und können sich selber helfen. Das nämliche ironische Verhältnis zwischen den psychischen Antrieben des Einzelmenschen und dem geschichtlich heterogenen Ergebnis haben wir im England Heinrichs VIII. Was für ein verzwicktes Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung! Der König hat Gewissensbedenken um seiner Ehe willen, und wie viel Gelehrte und Ratsversammlungen werden verbraucht, um sie zu zerstreuen oder zu begründen. Liegen nun all diesen im Oberbewußtsein vorgehenden theologischen Gedankenerlebnissen drunten in der weniger guten Stube oder gar im Keller unsrer triebhaften Regungen Liebeswünsche zugrunde, so will die Weltgeschichte mit alledem noch auf ganz anderes hinaus. „Aus all diesen Wirrnissen", sagt Strindberg, „ging ein freies, selbständiges und mächtiges England hervor. Als sich die Deutschen im Dreißigjährigen Krieg endlich ganz von Rom befreien wollten, war England mit seiner Arbeit schon fertig."