Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Strindbergs Historische Miniaturen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Strindbergs Historische Miniaturen zum Ausdruck bringt Errötende Tapferkeit vor allerschwerstem Leben; dazu ist Strindberg schließlich gekommen; wie schwer es ist, daraus macht er auch an dieser Stelle kein Hehl. Der Jüngling bricht schluchzend in den Wunsch aus, zu sterben, jetzt gleich zu sterben; und da entfährt es dem alten Abt: „Wer möchte das nicht, mein Sohn! ... Wenn du wüßtest... wenn du wüßtest.. Ja, den Tod liebt er; eben darum begreift er nicht, wie man ihn fürchten kann. Wie in Rom erst die Überschwemmung und in ihrem Gefolge die Pest kommt, da pflegt er unermüdlich, liebevoll, ja sogar lustig, strahlend die Kranken und ruft ihnen zu: „Kinder, was fürchtet ihr nur am Tod? Fürchtet lieber das Leben, das ist der wahre Tod." Dann wird er zum Papst gewählt; er will nicht, versteckt sich in seinen Sabinerbergen, und mit Gewalt muß man ihn in den Lateran schleppen, wo er dann eben der Gregor der Große wird, von dem der Dichter zusammenfassend sagt: „Seine Herrschaft war so groß wie die Casars, aber er besaß keine Legionen, sondern nur eine Feder und etwas Tinte. Es war das Reich Christi, das anfing; aber es war eine geistige Weltherrschaft, und Gregor war der Statthalter." Daß auch das nicht das reine Reich des Geistes wurde, braucht keiner einzuwenden; Strindberg zeigt es bald genug selbst in starken Farben. Aber Gott hat mehr als ein Eisen im Feuer: jetzt gerade treten wieder ganz unerwartet Völkerstämme in die Kultur ein, an die niemand gedacht hat: die unehelichen Kinder Abrahams, die Söhne Ismaels treten auf die Bühne, die Muhamedaner, die Mauren dringen nach Spanien und bis nach Frankreich vor. Eleazar, der alte Jude, spricht: „Nichts geht zu Ende, es ändert sich nur, nachdem es seine Zeit gehabt hat." Und gleich im nächsten Stück sehen wir wieder so ein unzeitgemäßes Herrschaftsgebilde, das mit größter Pracht als umfassendes Imperium auftritt und schnell wieder in Stücke bricht, weil die Idee andere Wege geht: Karl der Große errichtet sein gewaltiges europäisches Reich, das wieder zerfällt, sowie er die Augen schließt. „Wie schwer ist das einzusehen", schreibt Eginhard an Karls Tochter Emma, die einst seine Frau war und jetzt die geistliche Schwester des Mönchs in Christo ist, „daß in der Geschichte jedes Gewaltige die Vergänglichkeit in sich trägt und daß die Höhen immer von der Tiefe des Falls begrenzt werden." Und dann sehen wir die Menschen um die Wende des Jahres Tausend, in banger, verzweifelter und doch fast sehnsüchtiger Erwartung weltentscheidender Wende. Jetzt herrscht ein Ottone über das römische Reich, einer von den Sachsen, die Karl auszurotten gewähnt hatte; das war seine Todsünde gegen den Geist gewesen, daß er mit Machtgewalt hatte bekehren wollen. In das Rom der Päpste und Kaiser, die Hauptstadt der schuldigen, des Untergangs gewärtigen Christenheit aber führt der Schilderer einen Sarazenen ein, der ein Wörtchen sagt, das wie eine nachdenkliche Selbstironisierung oder wie eine Mahnung Strindbergs klingt, die Absicht in den Schicksalen der einzelnen wie der Völker ja nicht zu deutlich gewahren zu wollen. „Die Christen", sagt er, „haben immer zwei Arten der Erklärung, warum der Mensch leidet. Ist er unschuldig, so ist die Qual eine Prüfung; und ist er schuldig, ja, dann hat er eben sein Schicksal verdient." Schuldig ist die Christenheit schon lange genug, — aber diesmal, wo sie Strafe und Vernichtung erwartete, kommt kein Weltuntergang und keine Wieder-