Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Strindbergs Historische Miniaturen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Gustav Landauer: Er aber ist wieder so ein Mann des Geistes, unter dessen Fuß die Brücke zur Wirklichkeit zusammenbricht, sowie er sie betritt; wieder, wie Perikles, ein Mann adligen Geistes, großen Planens, dem nichts von allem gelingt, ein Spätling, ein zu früh Gekommener, ein Abseitiger, gleichviel: sein Denken ist reich und unfruchtbar. Alle Religionen will er zusammenschmelzen, will ihren ewig gleichen Gehalt, den Sinn ihrer Bildersprache herausarbeiten, will, der Platoniker, Religion und Philosophie zu einer höheren Einheit verbinden, um schließlich in allem zu scheitern und die bittere Erkenntnis zu pflücken: „Es sind ja die Götter, die Krieg führen; wir sind nur Soldaten." „Der Mensch denkt und Gott lenkt", das alte gute Volkssprichwort birgt den Kern von Strindbergs Geschichtsauffassung. Was für unheimliche, was für höllisch-dämonische, was für groteske Mittel aber hat dieser Spielleiter, dieser Theatermeister! Die Hunnen reiten auf die Weltbühne. Ganz koboldig schildert sie der Dichter in diesem Attilakapitel. In die feinstgeschliffene Zivilisation der Römerwelt, wie sie jetzt allenthalben im Reich, auch bei Galliern und Germanen, herrschend obenauf ist, dringen mit einemmal, wie durch Ritzen und Poren des Lacks, diese gelben Teufel gleich Larven oder Lemuren. Sie haben nichts von Geist, Bildung oder Seele, nicht einmal rohe Einzelkraft ist einem von ihnen anzumerken, auch Attila nicht; und doch imponiert der kleine Kerl, der als die „sichtbare Verachtung von allem und jedem" auftritt. Irgendwie scheint das seine Religion: sich gar nicht als Selbstzweck, sich und sein Volk nur als dämonisches Mittel aufzufassen: er ist Gottes Geißel; als Stachel im Fleisch der Christenheit stößt er vor — und verschwindet mit seinem Reiche wieder aus der Geschichte. Das Christentum aber lebt und taucht immer wieder tief in seinen Ursprung und sein echtes Wesen hinein. Gregor der Große, der Knecht der Knechte Gottes, befestigt Mönchstum, Askese, demütig dienendes Leben. Ihn, wie er noch Abt von St. Andreas in Rom ist, hören wir im Gespräch mit einem Jüngling, der am ewigen Übel der Jugend, an Lebensgier und Lebensverzweiflung krankt. Im Kloster vermag er nicht zu bleiben; die Logik der Sinnlichkeit ruft aus ihm: „Nur dadurch können die Begierden gelöscht werden, daß man sie befriedigt". Nichts einleuchtender als solch ein Wort; und nichts bezeichnender für die in tiefem Sinn absurde Umkehrung der Ausgangsbegriffe alles Denkens, wie sie das Christentum gebracht hat, als die flammende Antwort des Abts: „Du Satansknecht, weißt du das noch nicht, daß die Begierden niemals befriedigt werden können?" Und wieder schließt sich daran die graziöse Strindbergische Überwindung an, ein Pessimismus, der nicht zur Weltflucht, sondern zur entsagungsvollen, geduldigen Arbeit führt: „So ist die Welt, so ist das Leben; wenn es aber so ist, und wenn du siehst, daß es so ist, so bleibt nur übrig, — es zu leben; und es für eine Ehrensache zu halten, zu leben, bis der Tod kommt und uns befreit." Wie bei dem Stück vom sterbenden Sokrates ist mir auch an dieser Wendung, die ja kein Logiker rühmen könnte — denn was hat die Ehre mit der Frage nach dem Sinn des Lebens zu tun? —, wieder das Besondere und Rührende, daß diese schöne Ritterlichkeit, diese errötende Tapferkeit vor dem Leben so ganz echtester Strindberg ist, dabei aber auch ganz vortrefflich die Gesinnung des christlichen frommen Ritters im Zeitalter der romanischen Kirchen und Burgen