Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Strindbergs Historische Miniaturen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 103 (sequence 7)
- Language
- German
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Strindbergs Historische Miniaturen 103 jetzt wieder nach Ägypten. Und wiederum stoßen die beiden Weissagungen zusammen: Roms Weltherrschaft, Israels Welterlösung. Jetzt ist der Verheißene, den die Juden den Messias nennen, gekommen; dem Römer, der sich da mit dem Hebräer im Ägypterland bespricht, ist es kein Zweifel: das ist der Kaiser Augustus, der die Welt beherrschen, der alle Völker unter seinem Zepter vereinigen wird. Der Jude aber glaubt nicht daran. „Ist er gekommen, wie Jesaias prophezeit hat? ,Auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende'?" — 0 nein, das REICH, das verheißen ist, ist gewiß nicht das römische Imperium. Der Römer freilich meint zum Abschied mit dem ewigen Spott des Politikers: „Sei zufrieden mit der Erlösung durch Rom; eine andre kennen wir nicht." Der hebräische Mann aber ging zurück zu seinem Weibe: „Maria", sagte er. "Josef!" antwortete sie. „Leise! Das Kind schläft." Das Kind wächst heran und wird wach und lebt der Welt: Jesus von Nazareth. Und wiederum — denn Strindbergs Religion ist wie die Hegels eine Geschichtsreligon, und sehr im Gegensatz zu dem individualistischen Norweger Ibsen geht es ihm gar nicht um das Seelenheil der einzelnen, sondern um den Weg der Menschheit und den Sinn der Geschichte — wiederum wird der Gegensatz zu den Vorgängen im römischen Reich scharf herausgearbeitet. Auch darum ist der Geschichtsunterricht, den dieses Dichtwerk erteilt, so wertvoll, daß es Dinge, die in Räumen und Zeiten getrennt sind, im Sinn zusammenbringt. Wir sehen einen Menschen, der Gott wird und den sie in Tempeln anbeten: das ist der Kaiser Tiberius, der wie ein Irrsinniger auf Capri lebt und von seinem Neffen Caligula durchgeprügelt wird. Und zugleich lebt jenes Menschenkind und Gotteskind Jesus in Palästina, das reine Lamm, das auch gegeißelt wird, das aber nicht herrscht, das geopfert und an den Galgen geliefert wird. Und immer, in all diesen Stücken, ist es das Volk, das seine Besten, seine Retter verfolgen hilft, das sein „Kreuzige! kreuzige!" schreit. Und immer begegnet uns wieder das Gegensatzbild des Römers und des Juden. „Den Römer", so faßt ein Jude im kaiserlichen Rom das Verhältnis in seine Formel, „trifft man überall, er ist jetzt überall zu Hause; den Juden trifft man auch überall, aber er ist nirgends zu Hause". Nun aber hat das Judentum schon geistig gezeugt: nun gibt es Christen, römische Christen. In den Kloaken wohnen sie, „wie Samen in der Erde, zum Keimen", in den unterirdischen Grüften, den Katakomben, sie sind „mit Christus begraben und warten auf die Auferstehung". Und schließlich erstehen sie — zunächst —, wie Gott immer in der Geschichte, in der Wirklichkeit ersteht: zur Unkenntlichkeit entstellt, verhüllt. Die Wege des Herrn sind dunkel; das Christentum wird römische Staatsreligion; indem es nach oben kommt, verfällt es; indem es den Sieg erlangt, verdirbt es. Da kommt nun Julian, eine seltsame Mischnatur, mehr Christ dieser Apostat, als die sich so nennen; er besah die dreihundert Jahre Christentum und entsetzte sich: die Welt immer elender und niedriger geworden, die Christen lebten schlimmer als die Heiden. Und nun stößt das Individuum, das schnell von binnen geht und keine andre Welt kennt als die seines Lebens, mit dem Geiste der Geschichte zusammen, der sich unsäglich viel Zeit läßt. Geduld kennt Julian nicht; er wird rasend bei dem Gedanken, warten zu sollen; und vergebens belehrt ihn der fromme Eusebius, daß Ungeduld eine der Höllenplagen ist.