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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 102

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Strindbergs Historische Miniaturen
Date
1917-01-01
Page
102 (sequence 6)
Language
German
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102 Gustav Landauer: Rätsel seiner eignen Natur nicht lösen zu können, während er dann seinen Sokrates die Auflösung finden läßt. Dem Mann der Xanthippe ist die Sache klar genug: Das kann man schon, ein Weib lieben und zugleich hassen. Wie mit der Mütterlichkeit das Gute, so ist mit der Geschlechtlichkeit das Böse verbunden. Und das ist Strindbergs letztes Wort vom Weibe: daß es tiefer im Geschlecht, fester verwachsen in der Erbsünde steht als der Mann. Strindbergs Art, den Kampf der Geschlechter zu nehmen, steht in Zusammenhang mit der Sehnsucht nach Freiheit, schwebender Leichtigkeit, Göttlichkeit, mit der Bitte ans Schicksal, unbeschwert von trennender, tötender Ichsucht und hinabziehendem Trieb leben und lieben zu dürfen, mit der Frage nach dem Sinn und der Aufgabe des Lebens, in Zusammenhang mit den letzten Gedanken über Gott und die Welt, wie sie Strindbergs sterbender Sokrates groß und in liebenswürdig-adliger Resignation ausspricht: „Ich habe eben einen Schlaf genossen — ich bin drüben überm Fluß gewesen, auf der andern Seite; ich habe einen Augenblick lang die Urbilder der ewigen Schönheit geschaut, von denen die Dinge nur dunkle Abbilder sind. . . tch habe die Zukunft gesehen, die Schicksale des Menschengeschlechts; ich habe zu dem Mächtigen, Hohen, Reinen gesprochen; ich erkannte die weise Ordnung, die das lenkt, was uns als so großer Wirrwarr erscheint; ich bebte über das unergründliche Geheimnis des Alls, das ich ahnend begriff; und ich erfaßte das unsägliche Ausmaß meines Nichtwissens. Piaton, du sollst es schreiben! Du sollst die Menschenkinder lehren, die Dinge mit maßvoller Geringschätzung anzusehen, in Ehrfurcht zum Unsichtbaren aufzuschauen, die Schönheit zu verehren, die Tugend zu pflegen und auf die Erlösung zu hoffen, während der Arbeit, in Pflichterfüllung und durch Entsagung." Mir ist es ein ergreifender Anblick, wie Strindberg hier, in engem Anschluß an die Überlieferung, ganz platonisch-sokratisch das Verhältnis der Idee zur Wirklichkeit und doch zugleich eigen und persönlich seine höchste Sehnsucht und letzte Einsicht ausspricht. Goethe — mit dem Strindberg in diesem Letzten, was er zum Leben und zum Zusammenhang des täglichen Lebens mit dem Ewigen sagt, so ganz einig ist — Goethe hätte wohl zu manchem von Strindberg den Kopf geschüttelt und sich verwundert als „über das seltsamste Zeichen der Zeit", — aber dieses Buch, das zu solchen Höhepunkten führt, hätte er lieb gehabt und — trotz allem — als Geist von seinem Geiste erkannt. Die gelassene Resignation dieses Sokrates war seine Sache; an den in Schwermut heiteren Gesprächen, wie sie die Männer Athens und dann in einem weiteren Stück die Dichter des kaiserlichen Roms miteinander führen, hätte er Freude gehabt; und auch den Trost, denHoraz bei Strindberg findet, hätte er gelten lassen: es war ja noch jede Zeit eine des Verfalls und zugleich der Vorbereitung und Erneuerung: „Natur, Leben und Geschichte erneuern sich immer durch den Tod". Drum kommen auch in dieser seltsamen Reihenfolge der Zeiten, wo Tod und Leben ineinander geschränkt sind wie Gebälk, das sich gegenseitig zum Halten braucht, immer wieder Abschnitte, die sich aufeinander zu beziehen scheinen, aus deren gegensätzlicher Ergänzung der Zusammenhang des Ganzen sich greifbar zu ergeben scheint. Wie die Menschheitsidee, die dem Judentum zur Bewahrung anvertraut war, einst aus Ägypten sich befreit hat, so flieht sie

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