Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Strindbergs Historische Miniaturen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Strindbergs Historische Miniaturen 101 so gehört er doch wiederum — wo gibt es Gegensatzworte, deren Wirklichkeit einander ausschließt? — zu den Freundlichsten der Sterblichen. Man mag an Apollon gemahnt werden, den Gott, der mit seinen Pfeilen die Pest unter die Menschen schickt und doch zugleich tder sonnige Gott der holden Musik ist. Liebenswürdig ist in diesem Stück Strindberg vor allem in dem Letztgiltigen; wie er sein Verhältnis zur Frau gestaltet. Das tut er in der Gestalt der Aspasia* die die Gattin, nicht die Ehefrau des großen Perikles ist, und in den Gesprächen, die an sie anknüpfen. Es wird bei dem Gastmahl des Alkibiades der „angebliche Frauenhaß des Euripides" zur Erörterung gestellt. In sehr plausibler dichterischer Einkleidung erhalten wir da ein höchst persönliches Bekenntnis. Noch gar nicht durchs schlagend ist und soll sein, was Protagoras der Sophist sagt: „Unser Freund Euripides ist dreimal verheiratet gewesen und hat jedesmal Kinder gehabt. Er kann also kein Weiberhasser sein." Dann aber geht's höher hinauf; Sokrates spricht: Euripides kann kein Weiberfeind sein, denn er liebt — und Perikles ist drum nicht eifersüchtig — Aspasias Seelenschönheit. Körperlich schön ist sie gar nicht, die Freundin der geistigen Männer, Pheidias bestätigt's; und Perikles und Sokrates zusammen, wie in einem Duett, sagen, was Aspasia, sagen, was die. teilnehmende Frau dem schöpferischen Manne bedeutet: „Aspasia ist eine weise Frau, denn sie besitzt Schamhaftigkeit und Zartgefühl, Selbsterkenntnis und Besinnung; Aspasia ist klug, denn sie schweigt, wenn weise Männer reden. Aber Aspasia kann weise Männer dazu bringen, weise zu reden durch die Art, wie sie zuhört; sie hilft ihnen, Gedanken zu gebären.--Aspasia (hier spricht der Mann der Maieutik, der Sohn der Hebamme) empfängt unsre unreinen Kinder und gibt sie uns gereinigt zurück. Sie gibt selber nichts, aber durch die Art, wie sie nimmt, gibt sie dem Gebenden die Gelegenheit, zu geben," Damit, könnte man meinen, wäre über Strindberg-Euripides' Stellung zur Frau alles aufs Schönste gesagt; Aspasia selbst jedoch gibt sich noch nicht zufrieden. Sie erinnert an böse Verse des Euripides aus seinem Hippolytos, wo, der Gottheit geradezu der Wunsch vorgetragen wird, es möchte besser eine Art der Fortpflanzung ohne Weib, ohne Geschlecht geben. Und in der Tat finden sich solche Verse, wie bei Euripides in der Phädratragödie, so bei Strindberg am stärksten und geläutertsten im „Traumspiel": „Warum zeugt man uns wie Tiere, Uns von Götterstamm und Menschenart? Braucht der Geist ein andres Kleid nicht Als das hier aus Blut und Schmutz?" Und Euripides-Strindberg erwidert: „Wäre ich ein Sophist wie Protagoras, so antwortete ich: Das hat Hippolytos gesagt, nicht ich. Aber ich bin Dichter und rede durch meine Kinder. Also: ich habe es gesagt, ich habe es gemeint^ als ich es schrieb; ich meine es noch. Und dennoch liebe ich fast immer ein Weib und hasse dabei ihr Geschlecht. Erklären kann ich es nicht, denn pervers, wie Alkibiades, bin ich niemals gewesen." ■ Man kennt aus Träumen das Seltsame, daß man selber als Schüler in der Traumschule wie vor einem Abgrund steht und keine Antwort mehr weiß, während das gespaltene Ich den Traumlehrer geschaffen hat, der den unwissenden Schüler belehrt. So ähnlich gesteht der dramatisch erlebende Dichter aufrichtig, das-