Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Strindbergs Historische Miniaturen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 Gustav ^Landauer: von Athen" heißt und uns zu Perikles, Sokrates, Aspasia, Alkibiades, Euripides, zu griechischem Wesen auf der Höhe, das heißt aber, in Untergangsstimmung führt. Kleon der Gerber, der Repräsentant des unsterblichen Pöbels, will den Juden, der ein verwegenes Gespräch unter Sokrates1 Freunden mitangehört hat, als Zeugen haben; der aber lehnt ab; in Sokrates hat er den erkannt, der dem selben einen und wahren Gotte dient, wie er, der Jude: dem Unsichtbaren, dem Ewigen. Und dann, in einem Gespräch, das dieser jüdische Schuster, der in Athen Kothurne flickt, mit einem Römer führt, hören wir Seltsames, Widerspruchsvolles voraus über die Wege der Geschichte: Rom ist — von der cumäischen Sibylle — dasselbe verheißen wie Israel: daß es die Erde besitzen wird. Und der Römer meint: „Vielleicht ist es dieselbe Verheißung, derselbe Gott! Vielleicht wird Israel durch Rom siegen." Dazu kann der Jude in Hellas nur den Kopf schütteln; es ist anders verheißen, Israel soll durch den Messias siegen; und der soll kommen, wenn Zeus tot ist. Geht es mit Zeus zu Ende, dem Gott des Heidenlebens, dem Meineidigen und Päderasten? Orient und Okzident mischt sich in dem Gespräch, das der Perser Tissaphernes mit dem Landesflüchtling und Landesverräter Alkibiades führt. Der Perser verachtet den verfaulten Zustand dieses Hellas, in dem die Sophisten hochgekommen sind, die nichts Heiliges und Unverbrüchliches mehr kennen, 4ie die Willkür der Sinne auf den Thron gesetzt haben, und von seiner Religion und seinem Propheten Zarathustra redet er dem Typus griechischer Dekadenz: „Kenntest du den Propheten von Kindheit auf, so hättest du unterscheiden können: Gut und Böse, Licht und Finsternis, Ormuzd und Ahriman. Und hättest in der Hoffnung gelebt, daß das Licht schließlich siegen wird: und daß sich alle durchs Leiden versöhnen." Gärung, Neues, das Uraltem entquellen will, kündet sich auch in Griechenland an; man gedenkt der Prophezeiung, die im Prometheus des Aischylos steht, daß dem Zeus von einer Jungfrau ein Sohn geboren werden soll; ein neuer Gott kommt aus dem Osten, der Adonai oder Adonis heißt, der die Menschen den Weg durch die Todespforte nehmen und auferstehen heißt; eine Göttin kehrt ein, Kybele, die eine Jungfrau und die Mutter der Götter ist. Wie seltsam ist's mit den Menschen, ihrer Größe, ihrem Adel, ihren Plänen! Da ist Perikles, eine der adligsten Naturen, einer der reichsten Geister; ein großer Plan lebt in ihm: die Vereinigung aller griechischen Staaten. Und da ist Alkibiades, der glänzende Kopf, der Mann mit allen Eigenschaften des unbedenklichen Politikers, von der berückenden Phantasie bis zur Anpassung an <lie Gemeinheit: der träumt von der Weltherrschaft, die Hellas zufallen soll. Aber es sind alles Untergangsträume, letztes Aufflammen vor dem Tod, Abenddämmerung: sie träumen groß, diese zivilisierten Menschen, „aber die Träume der Götter sind größer": es ist kein Übergang von diesem Denken zu einer Wirklichkeit. Das sind Grundgedanken, die hier herausgearbeitet und in den Vordergrund gerückt sind, in der Dichtung aber nur immer wieder episodisch aus einem glänzenden Bild der perikleischen Zeit auftauchen, aus einem Zusammenhang der Schönheit, der Güte und Liebenswürdigkeit. Dies Wort soll nicht fehlen, wenn man von Strindberg spricht: liebenswürdig. So bitterbös er immer wieder auf Zerreißung und Vernichtung ausgehen kann,