Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Strindbergs Historische Miniaturen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 99 (sequence 3)
- Language
- German
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Strindbergs Historische Miniaturen 99 Von Abrahams Verheißung in ihrer besonderen Bedeutung für das Volk der Hebräer hören wir in dem ersten Stück: Die ägyptische Knechtschaft. Das ist nun Hunderte von Jahren her, seit den Kindern Abrahams das Land Kanaan verheißen worden ist, und statt dessen sind sie, die Kinder Israels, nun seit langem in Knechtschaft Die meisten glauben gar nichts mehr, zumal dte Gebildeten; sie sind ganz in der ägyptischen Kultur aufgegangen; etliche aber gibt es noch, die wissen, daß sie Juden sind, und sich mit geheimen Zeichen an die verheißene und erwartete Befreiung erinnern. Die ägyptischen Priester haben eine Geheim Wissenschaft, die sich besonders auf Mathematik und Astronomie erstreckt; da ist aber so ein verachteter Jude, ein kleiner Handwerker, ein Ebenholzschnitzer und Schatullenmacher, der ist seinem Stamme nach Levit, und es zeigt sich in einem Gespräch: auch er hat, noch von Abraham her, tief geheimes Wissen auf diesen selben Gebieten. Und die ganz Eingeweihten wissen: es ist ein Gott, den die beiden Völker, die beiden Kulturkreise verehren: im Wesen sind sie eins. Noch aber ist, für Tausende und Tausende von Jahren, um der Wege dieses Einen willen, Streit und Geschiedenheit nötig. Der Pharao kommt von weiten Reisen in ferne Länder zurück und bringt seltsam geheime Kunde mit: „Wohin ich kam, hörte ich Raunen und sah ich Bewegung. Die Völker sind erwacht; in den Tempeln weissagte man die Rückkehr der Götter; denn die Menschen waren allein gelassen worden, ihre Geschäfte zu besorgen und ihre Geschicke zu lenken; sie hatten sie aber schlecht besorgt und übel gelenkt. Recht war Unrecht geworden, und Wahrheit Lüge; die ganze Erde seufzte nach Erlösung." Das weiß er, oben, im Höchsten; aber damit weiß er nichts anzufangen, vermag dies Gedankending nicht in die Welt der Tat auf die Bahn zu schicken; das ist nicht Menschenwerk; das geht seltsame Wege, hat, wie man so hinredet, um das Walten in einem beliebig langen Teil unendlicher Zeit zu bezeichnen, seine guten Wege. Sowie der Pharao aber in den Erfordernissen des praktisch Gewöhnlichen und damit auch in den landläufigen Gewohnheiten des Aberglaubens und Fanatismus einkehrt, wie er hört, daß der Nil die Überschwemmung versagt, daß Hungersnot droht, wie ihm überdies ein Traum auf die Gefahr deutet, die ihm von den Juden droht, da tut er, ohne eine Ahnung zu haben, daß das mit seiner höchsten Einsicht irgendwie zusammenhängen könne, den Juden das Schlimmste und damit das Beste, nicht nur für sie, sondern für die ganze Welt: alle Knaben^ die ein hebräisches Weib gebiert, sollen umgebracht werden. Dadurch aber gerade kommt das Kindlein nach oben, an Pharaos Thron, das die Verheißung ah Abraham erfüllen soll: „Durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden ge* segnet werden": Mose, im Nilgebüsch versteckt, von der Prinzessin gefunden* der sein Volk aus der Knechtschaft befreit, es zum Volk macht und die Tafel des Gottesgesetzes über ihm aufhängt. Das alles kommt in Strindbergs Darstellung nicht wie imitierte, modernisierte Bibel und nicht wie ideologische Konstruktion heraus; es wird lebendig, farbig als Erlebnisse von Menschenkindern an bestimmtem Ort, in bestimmten Räumen und Landschaften erzählt, meist in dramatisch bewegtem Dialog. Einen verachteten kleinen Juden, wieder einen Leviten, treffen wir auch in dem prachtvollen, in jedem Betracht großen zweiten Stück, das „Der Halbkreis 7*