Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Strindbergs Historische Miniaturen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101128-3101828--1323-3101968- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
98 Gustav Landauer: einer Sache gedient Oder aber auch einmal so: es kommt für ihn ein Augenblick der Krise, der Wendung, der Sammlung und Besinnung, wo er merkt: in dem Glauben, dem Wähnen über den Sinn seines eigenen Triebs ist er ganz in der Irre gewesen; wenn er jetzt aber, sehend geworden, die Fäden aufnimmt und planvoll lenkt, geht der Wagen des Schicksals nicht über seinen Leib hinweg, sondern — eine besondere Gnade — das Ziel seines Lebens wird durch seinen eigenen Geist hindurch identisch mit dem bewußten Ziel seines Willens. Mag sein, es geht auch hier, auch mir so, daß wir, allergröbst ausgedrückt, die Anschauung eines andern nur dann verstehen, wenn wir sie mißverstehen; wenn wir sie, gelinder gesagt, uns zu eigen machen. Mag sein, daß ich die und jene Ursprungstönung vom Seinen fortwischen, das und jenes vom Meinen dazutun muß, um Strindbergs „bewußte Absicht in der Weltgeschichte" von mir aus zu verstehen und zu deuten. Seiner wesentlichen Notwendigkeit anschließen jedenfalls will ich mich treu, wenn ich sage: mich dünkt, daß Strindberg hier für gewisse geschichtliche Gestalten und Menschen einen entscheidend wichtigen Fingerzeig gibt. Bismarcks Wesen und Wirken zum Beispiel versteht nur der, der darauf achtet, wie Bismarck in einer bestimmten Zeit merkt, daß bisher schon, ohne sein Wissen und gegen seinen Willen, die geheime Tendenz der Tatsachen, auch der von ihm selbst bewirkten, auf die tatsächliche Durchsetzung eines Deutschen Reiches losging. Es gab, meine ich, einen solchen Moment, von dem ab er absichtlich tat und förderte, was bisher nur so eben durch ihn hindurch gewirkt hatte. Und ein Realpolitiker wäre etwa, wer die Idee erst dann in seinen Kopf aufnimmt, wenn sie sich draußen in den Bedingungen ihre Wirklichkeit geschaffen hat. Ja, merken wir nicht etwas der Art in unserer eigenen furchtbaren und, wie wir jetzt sagen dürfen, entscheidenden Zeit? Was da als europäischer Krieg ausbrach, hatte, als es entfesselt wurde, gar keinen Sinn, im Kopfe keines einzigen der irgend verantwortlichen Menschen: es bezog sich auf die Vergangenheit, hatte also freilich — wie alles — zureichenden Grund, aber keinen Zweck. Dieser Krieg aber hat ihn inzwischen bekommen, und sein Sinn ist in, wenn nicht äußerlich verantwortlichen, so doch führenden Geistern aufgegangen: Krieg gegen den Krieg, der letzte Krieg, Krieg um Erneuerung der Völker und Herstellung ihres Bundes, Krieg um die Menschheit. Nennen wir es, wie wir wollen, die Utopie, die verlachte und mißachtete, die jedenfalls bei diesem Ausbruch besonders übersehene und vergessene Idee war es, die die grausigste Ideenlosigkeit, die es je in der Welt gegeben hat, in ihren Dienst gezwungen hat und noch weiter zwingen wird. In diesem Werk Strindbergs, das aus zwanzig Kapiteln oder Einzeldarstellungen besteht, die uns von Israel in Ägypten bis zur französischen Revolution und zum Ausblick über unsre Zeit hinaus führen, zeigt sich eine Eigenschaft Strindbergs, die ihn zu diesem besonderen Dichter und vor allem Dramatiker macht: die Schnelligkeit und Sicherheit, mit der ihm bei Betrachtung eines Vorfalls dazugehörige Bilder und Gedankenkreise sich assoziieren; wir sehen dergleichen auch in seinem „Blaubuch": jede Buchlektüre, jede Zeitungsnotiz fast wird ihm da zu einer kleinen Handlung und sehr oft zu einem Dialog, wo die eine Sache sich dramatisch in die mehreren Seiten zerlegt, die sie hat.