Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Strindbergs Historische Miniaturen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 97 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101128-3101828--1322-3101967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gustav Landauer: Strindbergs Historische Miniaturen 97 STRINDBERGS HISTORISCHE MINIATUREN Ein Vortrag*) Strindbergs Buch „Historische Miniaturen", das im Jahre 1905 erschienen ist, trägt einen Namen, der kokett und doch zu bescheiden ist: wiewohl jeder Abschnitt für sich selbständig genommen werden kann, ist doch das Ganze ein Zusammenhang: ein Roman der Menschheit in ausgewählten Kapiteln. Zweie gehen als Gleiche in doch ewig neuen Situationen und Offenbarungen durch dieses Werk hindurch: der Mensch und die geheime, nicht auszusprechende, nur an den Spuren sichtbare Lenkung seines Geschicks; und es ist ganz in Strindbergs Sinn, wenn wir hie und da nicht abstrakt staunend von der Lenkung, sondern ehrfürchtig glaubend, spielerisch suchend vom Lenker der Menschheit und ihrer Bewegungen reden. Und noch einer geht überall mit hindurch und taucht in den meisten Kapiteln auf: der Jude, der ewige Jude in immer neuen Gestalten. Wie kommt das? Am Schluß des Werkes spricht es einer, im Anschluß an die französische Revolution, die sich gerade vollendet, aus: „Sehen Sie, jetzt", sagt er — jetzt, wo die Menschheit auf dem Wege ist, eine tatsächliche Wirklichkeit zu werden — „jetzt ist die Verheißung an Abraham: ,In deinem Namen sollen alle Geschlechter gesegnet werden!' auf dem Wege, sich zu erfüllen; auf dem Wege, sage ich." Der Partner des Gesprächs fragt so erstaunt, wie es vielleicht manchem, der das unvorbereitet hört, auf der Zunge liegt: „Die Verheißung an Abraham?" Und Strindberg läßt antworten: „Durch Christus, der von Juda war, sind wir geistig von Abraham." Und es wird hinzugefügt: eben der Glaube, daß die Menschheit in diesem Geiste, der vom Judentum herkommt, eins ist, werde die Menschheit erlösen. Wer nun aber das Werk nicht kennt, könnte nach diesem Eingang, der an den Schluß anknüpft, ein recht falsches Bild bekommen. Keineswegs wird da eine dürre Abstraktion durchgeführt; darum ist Strindberg ein Dichter, daß er nicht seine Ideen in Gestalten einkleidet, sondern daß er sich von den lebendig, allseitig, reich, wimmelnd geschauten Gestalten von Ideen entbinden läßt. Die geheime Lenkung Strindbergs ist mindestens so geheim, wie sie Lenkung ist; und es geht in seiner Welt zu, wie er's am Schluß seiner „Königin Christine" zeigt: der Mensch folgt seinen Trieben, seinem im Bewußtsein frei funktionierenden Willen, hat egoistische und gemeine Dinge im Sinn, und doch kann sich ergeben: sein persönliches Glück mag er verwüstet und verspielt haben; aber mit dem, was er am wildesten, vielleicht am unvernünftigsten getan, hat er *) Einer aus einem Zusammenhang von acht Vorträgen, die ich in diesem Winter in Berlin vor einem Publikum hielt, das zwar, wie meist, zu großem Teil aus Juden bestand, übrigens aber einer allgemeinen Einladung gefolgt war. Wenn ich jetzt Wert darauf lege, ihn im „Juden" zu veröffentlichen, so geschieht es, weil ich darin die Geschichtsanschauung eines Dichters darstelle, die uns Juden angeht. Ich stelle diese Anschauung dar; ich messe sie nicht an meiner eigenen und kritisiere sie nicht, stelle mich vielmehr, um einen Ausdruck Strindbergs selbst zu variieren, experimentierend auf den Standpunkt dieses Dichters. s geht darum, ein Dichtwerk in seinem Zusammenhang zu erfassen; meiner Augen bediene ich ruich, um Strindberg zu sehen, wie er war; sehe ich dabei die Welt mit seinen Augen an, so un meine Augen gerade den Dienst, den ich für diesmal von ihnen verlange. Der Verfasser. Hfcft 1/2 y