Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der erste Satz der Bibel
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 92 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Arno Nadel: Der erste Satz der Bibel ist, und alle monistische und pantheistische Theorie kann ihn aus seiner Unselbständigkeit nicht befreien. Natürlich ist eine Skala des Lebens vorhanden. Dennoch beginnt das Leben selbst im Sprung und nicht anders. Daß der Sprung unsichtbar und unwahrnehmbar ist, das tut nichts gegen die Wahrheit. Auch die Seele ist unsichtbar, auch Gott ist unsichtbar. Das Wesentliche ist, daß die Wissenschaft nicht nur im Äußerlich-Sichtbaren verharre und daß die Religion insofern Wissenschaft werde, als sie sich keiner Phantasmagorien mehr bediene, sondern der faßbaren, zählbaren könnte man sagen, unsichtbaren, aber wahrnehmbaren Dinge und Vorgänge. Die Unterhaltung, die wir führen, ist mehr als wichtig. Es geht um den Frieden der Menschheit, um den Frieden, der zugleich die Tat der Menschheit einschließt, und es geht nicht um Egoismus und Besserwisserei. Wo ruheloser Streit und Blut ist, da kann niemals der rechte Frieden zustande kommen. Blut bleibt als Kainszeichen, Streit bleibt als Kainszeichen am Kämpfer, auch am Sieger haften. Das muß einmal gesagt und gehalten werden. Wenn nicht die Streiter im Menschheitskampf sich beruhigen werden und die Grundlage alles Menschenseins, die Religion, auf ihre Liebeswesenheit und Klarheit untersuchen und umgestalten werden, dann werden Kampf und Tierheit ewig dauern. Aber die Schöpfung will die Erneuerung der Welt in jedem Moment und das „Und". Und wir Menschen sind um so wichtiger und reiner, je gottesähnlicher und stiller wir wirken. Der Kampf ist nur Schein und Aufhaltung des Seins. Das Sein, das ist fürs Leben schon das Wachsen und Steigen, aber es erfordert die wahrhaftigen und tiefen Kräfte, nur diese. Das ist das Gegenteil von Ergebung und Quietismus, es ist Gottheit, Schöpfung und Freude im menschlichen Teil. — Die Erde ist der tote Stoff. Dennoch ist der Stoff nur bedingt tot. Er, der Stoff selbst, ist zwar nicht das Leben, aber das Leben der Erde ist ohne Stoff undenkbar. Es äußert sich im Stoff innerhalb des Stoffes, mit dem es vorerst verbunden ist Löst es sich von ihm, dann ist es nicht mehr dieses Leben. Wir sagen, es ist: Tod. Was es dann ist, was es dann wird, das werden wir niemals erfahren. Ob es überhaupt etwas anderes wird als Leben, ob es auch dann noch dauert und seiner bewußt ist, diese Frage und deren Beantwortung gehören in die Religionswissenschaft, die nicht auf kurzem Wege zu erlangen ist. Und immer darf nicht vergessen werden: mancher Teil bleibt im Geheimnis, das jeder sich nach Vollbringung der Lehre nur selber gänzlich lösen mag. Sobald wir denken, müssen wir trennen. Die Einheit ist Gott, Gott ist alles. Aber damit hört die Wissenschaft ebenso auf, wie sie anfängt. Nun müssen wir weiter gehen und wie Gott selbst Trennungen und Schöpfungen vollziehen. Ist Gott die Einheit, warum ist dann noch etwas außer ihm? Es ist eben etwas außer ihm, obgleich es mit ihm ist. Was ist außer ihm? Himmel und Erde ist außer ihm, andre unsichtbare Wesenheit als er im Letzten und sichtbare Wesenheit, beides wahrnehmbar: Sinn und Stoff, ist außer ihm. Sinn nimmt wahr, Stoff wird wahrgenommen. Und die Tat ist Gott. Gott, Sinn und Stoff sind die letzten drei Elemente, auf welche alles zurückzuführen ist. Wir sagten: Sinn oder Leben könne sich nur durch Stoff äußern. Das ist wahr; aber auch noch anders ist der Stoff belebt. Nämlich als Mittel und Ausfluß Gottes. Darum unsre Freude an der Natur. Sie ist erfüllt von Gott wie der Sinn, wie das Leben, wie der Mensch. „Am Anfange schuf Gott den Himmel und die Erde" heißt nun: Alle Zeit schafft Gott Sinn und Stoff, — allgegenwärtig und tätig ist