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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 91

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Der erste Satz der Bibel
Date
1917-01-01
Page
91 (sequence 6)
Language
German
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Der erste Satz der Bibel 91 Nur haben es die Mathematiker insofern schwer, als sie nur um den Stoff sich bemühen dürfen und dadurch in eine Enge geraten, aus der ohne Religion, wie man sagen muß, ohne die beste und wahrhaftigste Wissenschaft, wenn sie nur in der rechten Weise betrieben wird, nicht hinauszugelangen ist. Aber metaphysisch-wissenschaftlich ist selbst das noch zu bewerkstelligen, da Stoff eben nur darum nach der Tiefe und nach der Weite unendlich ist, weil er in Wahrheit Stoff aus Gott ist und darum ohne Raum. Eben deswegen können die Mathematiker auch eine fünfte und weitere Dimension beweisen, bis ins Unendliche. „Anschaulich" jedoch, das heißt hier: fürs Auge unsichtbar, aber fürs innere Auge, fürs Auge des Auges sichtbar, wird erst der andere Raum, eben der Raum des Raumes, wenn wir ihn „in Gott" und aus Gott schauen. Und mit großer Weisheit wird Gott von den nachbiblischen Gelehrten auch „Mokaum" (Ort) genannt Allerdings könnten die Zweifler mit scheinbarem Recht behaupten: ja, wenn wir „in Gott" alles sehen wollen, dann bekommen wir vieles, auch eine Vierte Dimension heraus. Das ist es: wir dürfen und werden in einer neuen wissenschaftlichen Weise alles „in Gott" und aus Gott sehen, wenn wir Gott ausreichend auch logisch bewiesen haben werden. Dies zu tun, ist hier weder Raum noch Zeit, und so müssen wir das Dasein Gottes vorerst als gegeben gelten lassen. Denn die rechte Theologie ist die tiefste und letzte Wissenschaft überhaupt. Sie ist nämlich nicht nur eine Gotteslehre, die sich auf das Verhältnis des Menschen zu Gott bezieht, sondern die wahrhaftige und einzig mögliche Grundlage aller Wissenschaften schlechthin. Weil Religion nicht nur ein Teil des Lebens ist, sondern das Leben in allem und jedem, mit allem Wissen, mit aller Lust und mit aller Freiheit. — „Schomajim" ist der Raum, in dem Gott und alles Göttliche weilt, und der daher alles Stofflich-Räumliche als Verursacher und Wirker durchdringt. Gott ist überall, nicht weil er allsehend ist, sondern er ist allsehend, weil er überall ist. Und immer wieder müssen wir betonen: wir dürfen und sollen Gott alle menschlichen Eigenschaften bis ins Ungemessene zuschreiben, weil seine Fülle mindestens auch diese Eigenschaften einschließt.*) „Und die Erde." Das ist, wie schon angedeutet, der tote Stoff. Und man fürchte sich nicht, zu sagen: der tote Stoff. Der Stoff ist tot, weil er ohne Ich *) Besonders dies, die Vermenschlichung Gottes, das heißt ebenso die Erhebung des Menschen in den Gottesstand und die anschauliche Zusammenfassung seiner Kräfte, die praktische Reduktion gewissermaßen, ist die spezifische jüdische Tat. Erst das Judentum hat den Umgang mit Gott möglich gemacht. „Es hoelauhim hisshalech", „mit Gott ging um", das ist uralt und ewig jüdisch. Insofern ist es die gott-nächste aller Religionen. Das Christentum mußte Symbole, menschliche Gestalten und Geschehnisse zu Hilfe nehmen, um Europa ans Judentum zu gewöhnen, so daß das Christentum als ein heidnisches, auch als ein erleichtertes Judentum angesehen werden kann. Der Protestantismus ist der praktischen und wichtigen Abstraktion, die dem Judentum eigentümlich ist, einen Schritt näher gekommen. Und so wird die Entwicklung weiter gehen. Aber auch das Judentum wird sich wandeln, bis tatsächlich Gott König sein wird über die ganze Erde. Denn wenn nicht einmal in der Religion Nationalitäts- und Religions-Hochmut aufhören sollte, wo sollte es geschehen! Der Werdegang ist ja der, und kein anderer ist möglich: von allen Enden der Erde strömt die Gotteskraft in die Seelen der Menschheit, damit sich dereinst die Allheit und Größe vollende. Daher der messianische Traum, der eigentlich nur eine Vorwegnahme ist. Wer ist auswählt? Auserwählt ist die Menschheit, das unendlich-lebendige Kind Gottes, und bis zur Vollbringung dieser göttlichen Tat im Geheimnis ist jeder einzelne Mensch auserwählt, der die Gotteskindschaft am reinsten empfindet und emporbildet.

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