Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 90

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Der erste Satz der Bibel
Date
1917-01-01
Page
90 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101128-3101826--1312-3101960
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

90 Arno Nadel: lehren soll, das Ihre hinzu, und nur der hat recht, der zum erstenmal in seinen Adern und in seinem hohen Leben die Wahrheit und Verkündung verspürt hat: Und es wird Gott König sein über die ganze Erde, an jenem Tage wird Gott einzig sein und sein Name einzig. Darüber, über diese Sehnsucht und über diese Erfüllung wird kein Volk, wird kein Mensch mehr hinausgelangen. Das wird das wiedergekommene Paradies, die Zeit des Messias sein, die alles Leben in Liebe und Demut zusammenhalten und leiten wird. Demnach lassen sich als die drei wichtigsten Manifestationen des Menschengeistes folgende drei Religionen festsetzen: das Judentum, der Brahmanismus und der Taoismus. Größeres, Tieferes und Zweckdienlicheres hat die Erde nicht aufzuweisen, und wer sich jemals mit Religion befassen wird, wird sich mit diesen Komplexen von eigenartigsten Kundgebungen auseinandersetzen müssen. „Den Himmel und die Erde". Das ist ^das^Ganze, außer ^Gott. Gott, der Himmel und die Erde, — das ist Alles, das ist das ganze uns Zugängliche. Gott ist der Schöpfer, aus ihm sind Himmel und Erde, aus seiner Tat und aus seinem reinen Willen. Wir dürfen die menschlichen Fähigkeiten und Kräfte auf Gott anwenden, weil sie in ihm zum mindesten „auch" enthalten sind. Ist Gott mehr und anders, so haben doch die menschlichen Fähigkeiten und Kräfte auch in seinem Anders-Sein Raum. Ist Gottes Können erst von Anfang an und in eigentlicher Wahrheit Das Können, so dürfen wir dennoch unsere menschlichen Begriffe auf ihn anwenden, um zu verstehen, und um uns verständlich zu machen. Gott will, Gott schafft, — was sind das für enge und falsche Wahrheiten gegenüber seinem wirklichen Wollen und Schaffen! Aber auch Wollen und Schaffen ist sein Sein, es ist ein geringer Teil seines Wesens, und so dürfen wir mit dem rechten Bewußtsein von Gott menschlich sprechen. Nicht: wir vermenschlichen Gott, sondern wir erhöhen den Menschen und ziehen seine Seele in Gottes Leben hinein. — Gott ist, und aus ihm und mit ihm sind Himmel und Erde. Beide sind zwar in ihm enthalten und mit ihm Eines, aber dennoch und zugleich sind sie neben und außer ihm. Gott, Himmel und Erde: das sind die drei Hauptsubstanzen alles Erfaßbaren. Gott ist der Schöpfer, der Himmel ist der unfaßbare, unsichtbare Stoff, den man mit Geist oder mit Sinn bezeichnen kann, und Erde ist der faßbare, der sichtbare, der grobe, anfaßbare harte Stoff überhaupt. Und der Mensch ist die Mischung aus allem und allen Teilen, aus Gott, Himmel und Erde. Der Mensch ist wahrhaft das Ebenbild Gottes. Wir sagten: Himmel, das sei der Geist, der Sinn. Diese Auffassung steht im Einklang mit dem einfachen menschlichen Gefühl und mit der Anschauung aller Religionen. Der Himmel ist der Raum der Geister, der Engel, der Seelen; der Himmel, das ist kein räumlicher Gegensatz zur Erde, sondern ein qualitativer. Denn: mögen die Sterne da droben und da drunten noch anderes mannigfaltiges Leben zeugen, sie sind als wahrnehmbare Dinge Stoff wie wir; aber der wahre Himmel, der ist nur droben und jenseits, der ist das Jenseits, der Raum der Seelen, — der andere Raum, in dem Gott ist und in dem er sein Leben in Einzelwesen ausstrahlt. Der stoffliche Himmel, das ist der Himmel des zweiten Schöpfungstages, ist „Rokia"; „Schomajim" aber, das ist „schom", „dort" (eigentlich „Ruhe") mit der Dualendung „ajim", also: „Doppelraum", vertiefter Raum, im Grunde das, was die Mathematiker vierte Dimension nennen, die sie mit Recht beweisen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.