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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 89

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Der erste Satz der Bibel
Date
1917-01-01
Page
89 (sequence 4)
Language
German
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Der erste Satz der Bibel 89 geschaffen. Ich sage „uns bewußte" und nicht etwa „von uns geglaubte", weil unser Wissen von Gott, wenn es ein solches ist, nichts mehr mit Glauben zu tun hat Hier allerdings wird die Rede stockender, aber nicht aus sogenannter Scheu vor dem heiligen Gegenstand, sondern nur aus Unmöglichkeit, alles mitzuteilen, was nur in Reihe und Ordnung erlernbar ist. Gott, das ist der Komplex der tiefsten Begriffe und Definitionen, dem nicht auf dem Wege der Wissenschaft im bisherigen Sinne beizukommen ist, sondern auf dem Wege der völligen Seelenverwandlung. Zur Erkenntnis Gottes ist auch die Verwandlung des Gefühls nötig, nicht nur die Bereicherung und Regelung der Verstandeskräfte. Das Gefühl aber kann nur durch Gefühl verwandelt werden, wie der Geist vor allem durch Geist. Das — die Verwandlung des Gefühls — geschieht beispielsweise, und hier am intensivsten, durch die Musik. Die Verwandlung durch die Musik jedoch ist keine dauernde, sondern nur eine augenblicklich-magische; sobald die Ursache aufgehört hat, ist auch die Wirkung schon nicht mehr vorhanden, und nur die Erinnerung ebbt allenfalls wohltuend nach. Dauernder wird das Gefühl durch das Gefühlswort verwandelt; wie im Worte überhaupt, wenn es Ton und Wort zugleich ist, noch ein stärkerer Zauber ruht als im Tone. Die Erkenntnis des großen Kollektivums, welches wir der Leichtigkeit halber mit dem in menschlicher Schwebung befindlichen Ausdruck Gott benennen, die Erkenntnis des „Elohim", der Allgottheit, wie man dieses Wort übersetzen könnte, kann nur langsam und innig-mühevoll vor sich gehen. Die Erkenntnis Gottes ist eben gar nicht Erkenntnis mehr, sondern: Verwandlung in Gott, Verwandlung in Gottheit, Verwandlung in Kraft, Verwandlung in Wesenheit, Verwandlung in Macht, Verwandlung in Reinheit, Verwandlung in Wonne und Anderssein. Alle Religionen mühen sich ab, diese Verwandlung an ihren im Wesen tätigen und sehnsüchtigen Bekennern zu vollziehen. Wollten wir die Mittel, die die bekannten Religionen anwenden, kurz zu kennzeichnen versuchen, so ergäbe sich etwa folgendes. Das Judentum tut es durch das Gefühlswort und das Gebot, weniger durch Wissenschaft und Geheimnis. Das Christentum tut es fast nur durch das Gefühlswort; auch Gesetz und Gebot gehen in ihm durch den Ton hindurch; Wissenschaft, das heißt eigentliche Lehre von Gottes Wesenheit, reale logische Lehre kennt es so gut wie gar nicht. Dafür macht es vom Geheimnis, das heißt von der Geheimlehre (in seiner Sphäre ist es zumeist Symbolik) Gebrauch. Der Buddhismus wendet vor allem Wissenschaft und Gebot an, aber nur einseitig und arm, nämlich nur in Beziehung aufs irdische Leben: er geht vom Begriffe der Glückseligkeit aus und lehrt diese als die Abkehr vom immerwesenden Leiden, die in ihm identisch mit Existenz und Welt überhaupt ist. Die größte Fülle von eigentlicher Wissenschaft des Elohimbegriffes wendet das Brahmanentum in den Upanishaden auf. Gebot vor allem herrscht im Konfuzianismus, in derjenigen Religion, die fast nur Moral und Satzung ist, und die von den genannten Religionen am allerwenigsten eigentliche Religion ist. Dafür ist ihre Gegenreligion, der Taoismus, umleuchtet und umwettert von magischer Kraft und Weisheit und ist dadurch ewigmodern wie keine andere religiöse Richtung der fcrde. Von eigentlicher Wissenschaft hat er aber auch so gut wie nichts, und wrch seine Vernachlässigung des Gebots hat er nur Bedeutung für ganz Wenige. Man ersieht daraus: alle Religionen tun zur Religion schlechthin, das ist zur Religion, wie sie am lautersten unter Erdenmenschen die Erkenntnis Gottes

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