Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der erste Satz der Bibel
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 88 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Arno Nadel: „Schuf". Mit Sinn setzt der hebräische Grammatiker diese Form für das Zeitwort selbst ein und sagt: „er schuf", das heißt: schaffen, das ist der Name des Verbums. „B'reschiss boro" heißt demnach und .nach unseren vorangegangenen Feststellungen: in der Allgegenwart schafft, in der Allgegenwart ist das Erschaffen. Was aber bedeutet: schaffen? „Schaffen", das ist nicht: „aus Nichts schaffen", im Gegensatz zum augenscheinlichen menschlichen Schaffen, sondern das ist: die Tat Gottes an sich. Gott — das ist schon Schöpfung. Nicht: Gott überlegte irgendwann und fing zu schaffen an, sondern Gott und Tat, das ist Eins. Gott ist gütige Tat in der Dauer, das ist es. Das Gütige liegt im Bejahenden begründet. Gott, das ist: Güte, Tat und Ewigkeit und das vielfache Andere, das um diese wichtigen Benennungen lebt und Wort zu werden anfleht. Man sagt häufig: der Mensch kann nicht schaffen, er kann nur verändern und verwandeln. Das ist wahr, aber nur nach der einen Seite hin. Es ist wahr: er kann nicht aus Nichts, wenigstens nicht aus sichtbarem Nichts etwas entstehen lassen, wie man es Gott oft zuschreibt, er kann nicht im Sprung etwas hervorbringen, sondern er kann nur gegebene sichtbare Formen in andere verwandeln. Aber das ist, wie gesagt, nur einesteils wahr. Er kann nämlich wohl ohne sichtbares, das heißt erfaßbares Etwas Neues erstehen lassen. Er kann zum Beispiel in der Kunst aus unbelebten, nichtssagenden Formen belebte und sprechende entstehen lassen: eben das ist Kunst. Er kann dies allerdings nur insofern, als er ein Teil von Gott ist, als er selber schaffende, tätige, dauernde und wahrhaftige Substanz ist. Gott aber selbst ist alles dies im Ganzen und läßt nichts aus Nichts entstehen, sondern etwas aus etwas, das heißt Wesenheit aus Wesenheit: Gott schafft stets im Sprung, ungreifbar, unsichtbar, aber real und wesenhaft. Wir müssen uns ihm nähern, wenn wir schaffen wollen, er selber aber ist gänzlich die Nähe, gänzlich er selbst und die Welt sein erhabenes, ewiges Kunstwerk. Ewig in Güte und um Güte, ewig in Tat, in Wahrhaftigkeit und in Schönheit. „Gott schuf", das heißt, wie gesagt, „Gott schafft", Gott in jedem Moment und in jeder Willenströmung, er schafft und schafft und schafft und immer mit höherem Zweck, mit allem Leid und mit aller Wonne, mit allem Niederen und mit allem Hohen, mit aller scheinbaren Härte und mit der ganzen Reinheit und Barmherzigkeit. Wenn dies nicht wahr wäre, dann wären auch alle diese Begriffe nicht. Nur so schwindet Zeit aus dem wahren Wesen, und nur so ist wahr, was die Philosophen mit geringem Nutzen längst schon wissen: Zeit ist und ist nicht. Sie ist real fürs Leben und im Geheimnis des Planes, und sie ist unreal für die göttergleiche Erkenntnis und im Geheimnis des tieferen Wissens, welches mit dem mathematisch-wissenschaftlichen Wissen nicht zu verwechseln ist, weil es selber ganz und gar andere Materie ist. „Gott". Dafür steht im ersten Satz der Bibel die Bezeichnung „Elohim". Als wenn die Kraft, die den Schreiber bei seiner denkwürdigen Leistung durchfuhr, sich vor dem begrenzteren Ausdruck „Jahve" gesträubt hätte. Die Kraft wählte ein Kollektivum, um anzudeuten: nicht Gott, nicht der Gott, den man leicht mit einem überirdischen Menschen vergleicht, hat die Welt geschaffen, sondern die ganze Allheit, die wir mit dem volkstümlichen Wort Gott bezeichnen, die ganze Fülle der Mächte, die im überpersönlichen Wesen alles Wesens ihr Zentrum haben, diese ganz unfaßbare, aber uns bewußte Größe hat die Welt