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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 87

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Der erste Satz der Bibel
Date
1917-01-01
Page
87 (sequence 2)
Language
German
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Der erste Satz der Bibel 87 ,jHimmel", „Erde". „Im Anfang", das ist: Im Anfang der Zeit, und auch nicht so. Wie jede Wesenheit, die wirklich eine solche ist, ihre Extreme in sich birgt und daher, eben durch ihre Bedeutung und Größe, unmeßbar, „unübersichtlich" wird. Und so herrscht in allen tiefen Dingen ein Gesetz, welches wir als das „Gesetz des Beiden" bezeichnen möchten, und worüber noch viel zu sagen wäre. „Im Anfang", das ist also sowohl „am Anfang aller Zeit" und auch: am Anfang aller ewigen Gegenwart; also auch „in der Dauer", man könnte auch sagen „am Ende". Wie „Reschis chochmo jiras adaunoj" nicht nur „der Anfang der Weisheit ist Gottesfurcht" bedeutet, sondern auch: „die Grundlage der Weisheit", die „dauernde Wesenheit der Weisheit", sogar „das Ende der Weisheit". „Am Anfang schuf Gott" heißt also nicht nur „Am Anfange der Zeit schuf", sondern: „Am Anfange, in der Dauer und am Ende der Zeit schafft". Ist schon Zeit vor dem erkennenden Menschen nicht nur Vergänglichkeit, Anfang und Ende, sondern vielmehr alles dies und zugleich und vor allem „ewige Dauer und Gegenwart" — auch hier herrscht, wie wir sehen, das Gesetz des Beiden —, so ist sie es im Bereiche göttlichen Wirkens erst recht. Also heißt: „b'reschiss" in Wahrheit: „immer". Und so ist im ersten Wort der Heiligen Schrift die Allgegenwärtigkeit der Schöpfungstat enthalten. Nicht nur an jedem Tage, sondern vielmehr: in jedem Augenblicke erneuert Gott das Schöpfungswerk. Die Welt, das ist: die sich dauernd erneuernde Welt, die sich wiederholende Welt. Da aber absolute Wiederholung eines werdenden Vorganges sinnlos wäre, so müssen wir annehmen — und auch dafür haben wir viele Beweise —, daß sich diese Wiederholung der Welt mit einem Plus an Wesenheit vollzieht. Wiederholung der Welt im Sinne des Göttlichen ist also: Wiederholung mit „Und", Wiederholung plus „Und". Und so ist tief im ersten Wort der Schrift auch die Bejahung der Welt bereits enthalten. Welt, das ist: die sich zum Bessern erneuernde Welt. Wenn wir, was manchem wohl bei der Aufstellung einer solchen Theorie einfallen wird, das „Und" jedes Momentes nicht wahrnehmen, so liegt es an uns und nicht an der Herrlichkeit und Güte des Schöpfers. Wie wir die Welt nicht erzeugt haben, so kennen wir auch nicht ihren Plan bis ins Geheimste. Wir können wohl manches abzuschreiben und nachzuzeichnen versuchen, und je mehr wir uns mit der letzten heiligen Wesenheit Gottes identifizieren, um so mehr werden wir erkennen und begreifen. Aber auch letzten Endes können wir nur gutheißen oder, um einen schwächeren Ausdruck zu gebrauchen, vertrauen. Inwiefern wir auch wie Gottheit, der wir uns bei reinem Wirken immer mehr nähern, ausstrahlen und selber schaffen, das entzieht sich einer rascheren Auseinandersetzung und ruht vorerst im Geheimnis. Denn das Geheimnis ist nicht schlechthin unzugänglich und hat nur wenig mit dem zu tun, was wir mit zaghaftem Schauer Mystik nennen. Das Geheimnis ist wohl erreichbar und ist somit eigentlich gar kein Geheimnis, — wenn man nur genügend Zeit zur Forschung anwendet und das, was Bestes und Tiefstes vorhanden ist, mit ganzer Seele, das heißt mit tiefstem Gefühl und mit schärfstem Geist zu durchdringen unternimmt. Was sich für uns aus unserer Darlegung des bejahenden Anfangs der Dinge ergibt, das ist folgendes: je mehr sich der Mensch der Wahrhaftigkeit der Welt, dem Urgrund allen Daseins, das heißt eban der Gottheit nähert, desto mehr ist sein Leben eine Wiederholung mit „Und", desto mehr steigt er — ins Ende, desto dauernder und allgegenwärtiger ist er.

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