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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Lebensgrund und Lebensgehalt
Date
1917-01-01
Page
85 (sequence 8)
Language
German
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Lebensgrund und Lebensgehalt 85 hatten sich in der Fülle des Nicht eingeschlossen. Die Erziehung ist kein Selbstzweck, sie erhält ihre ganze Bedeutung erst durch das, wofür sie erzieht Mit dem Anderssein ist noch nicht genug getan. Zu ihm müssen die großen Gedanken hinzukommen, die Gedanken von dem, wofür man anders ist. Sie sind das große Ja des Lebens, dieses Ja, das der vielgestaltigen Freiheit ihre Aufgaben und Wege zeigt; ihm wollte das Nicht nur den Raum umfrieden und sichern. Das Nicht erzieht das Leben, und das Ja schafft neues Leben. Für uns sind die großen Gedanken, ist der große Zug eine Lebensnotwendigkeit. Sie geben erst eine Zukunftsrichtung, und das will sagen: überhaupt erst eine Richtung des Daseins. Wahrhaft lebendig ist nur das Judentum, welches sie besitzt, welches nicht bloß dasein, sondern zu etwas hinführen will. Eins behalten wir zwar immer, die große Richtung zu uns her, den großen Zug unserer Vergangenheit, und es ist sicherlich ein Besitztum der Seele, ihn in sich aufzunehmen, innerlich wieder aus den Tiefen hervorzuwachsen, in denen unser Dasein verwurzelt ist. Man hat mit Recht von einer rückwärts gewandten Prophetie gesprochen. Das vergangene Jahrhundert hat sie in so manchen Sehern unserer gewaltigen Erinnerungen zu eigen gehabt. Sie haben viel von jenem Enthusiasmus wach werden lassen, den die Geschichte wecken kann. Er ist in so manchem ein Aufatmen gewesen. Aber in wie vielen war er nur ein schwärmender Geist, der sich der Größe rühmt, weil einst die Vorfahren groß gewesen sind. Und wir wissen von denen auch, die durch unsere Vergangenheit nur bedrückt worden sind, unter ihr die Empfindung des Unabänderlichen, das Gefühl der Schicksalstragik hatten, und wir wissen auch von den Sentimentalen, den Helden des Weltschmerzes, die ob der Vergangenheit sich beweinten und ihre Tränen dabei bespiegelten. Wir haben sie alle in unserer Mitte gesehen, und sie haben alle den Blick in die früheren Zeiten zu wenden vermocht. Die Geschichte lehrt vieles erkennen, sie zeigt auch notwendige Ausgangspunkte, aber sie allein, sie als solche, kann noch nicht führen und weiterführen. Wir brauchen die Prophetie, welche nach vorn ausschaut, diese messianische Prophetie der großen Gedanken, die uns die Richtung geben. Die großen Gedanken sind immer die richtigen, weil in ihnen das Menschentum erwacht und erwächst. Sie haben immer den Erfolg, auch wenn sie zunächst erfolglos scheinen; denn sie haben immer den inneren Erfolg, sie werden zur seelischen Kraft, zu der inneren Stärke, durch welche die Zukunft gezeugt wird. Der große Gedanke schafft vielleicht noch nicht Dinge, aber er schafft Menschen, und Menschen sind doch die stärksten Realitäten, sie sind die entscheidende Wirklichkeit. Die Frage der Macht ist für uns ausgeschaltet; wir sollen dafür unsere Kraft haben, die Kraft, die in den großen Ideen besteht. In ihnen drängt sich aus der Spannung das Leben hervor. Sie sind das große Ja unseres Daseins. Unser Ja kann seinen verschiedenen Ton, seinen verschiedenen Akzent haben — wenn es nur eben ein Ja ist, ein großer Gedanke, der zugleich auch groß gedacht wird, groß, das heißt ehrlich und rein. Man hat bisweilen draußen und drinnen über den Gedanken der jüdischen Mission gespottet; aber in ihm liegt doch, wenigstens, der große Zug, und es wäre ein großer Tag, an dem die ersten Sendeten wieder hinausgingen, um die Wahrheit unseres Gottes zu verkünden. Man at bisweilen draußen und drinnen gespottet über den Gedanken des freien jüdisc en Hauses im Lande der Väter; aber er hat doch, wenigstens, den großen

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