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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 84

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Lebensgrund und Lebensgehalt
Date
1917-01-01
Page
84 (sequence 7)
Language
German
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84 Leo Baeck: herein in die religiöse Sphäre der Lebensaufgabe erhoben. So kann es eine stärke Spannung zwar zwischen beiden geben, so sehr, daß der Einzelne sie in sich erlebt; aber es gibt keine Trennung in den Gegensatz hinein, es gibt keinen Dualismus. Auch schon deshalb nicht, weil hier die Frage der Macht mit ihrer zweiten Philosophie und ihrer zweiten Moral völlig ausgeschaltet worden ist. Nicht um Macht, sondern nur um ein Anderssein kann es sich hier handeln, also nur um die eigene Kultur, um die Existenz im Persönlichen. Der Begriff der Macht hat sich im jüdischen Dasein gänzlich in den der Kraft umgesetzt. Wie die Freiheit ist auch das Wachstum zu einer sittlichen Aufgabe geworden, zum Gebote der Verwirklichung des Judentums. In der Kraft stellt sich die Einheit von Lebensgrund und Lebensgehalt dar; sie ist die Form des jüdischen Daseins. Daher war es nicht der Zufall des äußeren Geschehens bloß, sondern zugleich der Ausdruck einer inneren Gesetzmäßigkeit, wenn das jüdische Dasein, von seinem alten staatlichen Boden losgelöst, nicht Kirche, sondern Gemeinde geworden ist. Und es bleibt jedenfalls in der historischen Linie, wenn auch der wiedererwachte Wunsch nach dem Boden der Väter von einer gesicherten Heimstätte, also von einer auf dem Völkerrecht beruhenden Gemeinde, spricht. Jede Kirche steht früher oder später unter dem Machtgedanken, noch keine ist ihm bisher entgangen; die Gemeinde vermag nur ein Mittelpunkt der Kraft zu werden. Nicht der gebietende Bereich gewährt ihr die Bedeutung, sondern nur das Anderssein, in diesem liegt der Grund wie die Erfüllung ihrer Existenz. Reales und Ideales werden hier eins. Es ist unstreitig eine Begrenzung, die damit gegeben ist, und durch sie kann eine Gefahr gebracht sein, die der Enge. Diese steht um so näher, da die Gesamtgemeinde, das jüdische Volk, ein Kreis der Wenigen ist. Im engen Raum kann auch der Horizont enge werden und die Gedanken umzäunt und beschränkt. Wenn hier der große Zug fehlt, der Zug zur Weite der Idee, zur Ferne der Verheißung mit ihren Aufgaben und ihren kommenden Tagen, dann fehlt auch alles Gefühl dessen, was zu überwinden ist, alles Gefühl der Widerstände und der Reibungen, so daß jene Kraft sich gewissermaßen immer nur auf der Stelle bewegt. Das Wort von den vier Ellen, in denen alles bleibt, ist nur zu häufig wahr geworden. Religiöse Vielgeschäftigkeit hat es innerhalb ihrer stets gegeben, aber nicht immer eigentliche religiöse Arbeit; es war oft ein bloßes Anderssein. Und jene Spannung ist damit, wofern sie empfunden wurde, nur ein innerer Druck geworden; sie wurde zu einem quälenden Mißbehagen, das sich im kleinlichen Parteigeist mit seiner Rechthaberei entlud. Auch die Spannung bedarf ihrer geistigen Weite; dann allein wirkt sie befreiend und schöpferisch. Das „Nicht" der Bibel hat das jüdische Dasein erzogen, als der große Pädagoge unserer Geschichte steht es da. Aber jede Erziehung muß zur Beschränkung werden, wenn sie in ihrem Nicht ihr Genüge findet und vergißt, daß in ihm der Anfang gegeben ist, der notwendige, der inhaltreiche, aber doch erst der Anfang. Soll das Nicht alles sein, auch Zweck und Ziel werden, so wird nur jene Bewegung gewonnen, die nirgends weiter führt, die immer auf ihrer Stelle bleibt. Wir haben in unserer Geschichte Zeiten völligen Stillstandes gehabt, und sie sind Zeiten unermüdlicher Pädagogik gewesen. Es waren die Tage, in denen der Gedanke und der Wille auch sein Ghetto hatte; das Suchen und das Wissen

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