Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Lebensgrund und Lebensgehalt
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 86 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Arno Nadel: Zug, und es wäre ein großer Tag, wenn die Stätte entstünde, welche suchende Körper und suchende Seelen aufnehmen will. Ja, mag das jüdische Dasein sich in ihm betonen wie immer — wenn es nur eben ein großer Gedanke ist, ein Gedanke, der aus dem Engen und Kleinlichen herauszuführen vermag, um eine Zukunft zu zeigen. Wir brauchen ihn, um unseres Lebens und unseres Weiterlebens willen. Wir dürfen hoffen, daß wir ihn wieder zu besitzen beginnen. Der jüdische Gedanke erhebt sich wieder zur Höhe. Es ist damit auch die Ehrfurcht wieder stärker geworden, dieses Gefühl des* Freien gegenüber dem Großen, und das Wort Jude und Judentum hat wieder den heiligeren, volleren Klang gewonnen. Es sind mannigfache Gedanken, in die der jüdische Gedanke heute auseinandertritt, und man hat zwischen ihnen oft nur den Gegensatz gesehen. Aber sie finden ihre Einheit in der jüdischen Individualität, in dieser Einheit von Lebensgrund und Lebensgehalt. Sie sind aus ihr geboren, denn aller Genius ist in der Individualität, und sie kommen in ihr auch wieder zusammen. Nicht der Zwiespalt ist zwischen ihnen, sondern die gegebene Spannung. Es ist kein Gegensatz, um eines zu nennen, zwischen der Idee Hermann Cohens, die das Judentum wieder in?die geistige Weltgeschichte hineinstellt, ihm den Platz der Weltreligion wieder erweist, und der Idee der zionistischen Autoren, die den Boden unserer Eigenart, unsere besondere Lebenstiefe, unsere Religiosität darlegen. In den Spannungen wächst das Leben. Wenn es nur die großen Gedanken sind, groß gedacht, die ihren Ausdruck und ihre Wirklichkeit suchen! In einem vor allem will diese Zuversicht sich heute offenbaren. Unsere Zeit erscheint nicht mehr als eine, die bloß wartet, wie manche früheren Geschlechter auf das Ende oder auf das Wunder wartet. Unsere Zeit erwartet wieder; sie hat den Blick und den Willen in eine Zukunft gerichtet. Das Wort eines Dichters sagt: das Alter wartet, und die Jugend erwartet. Das Enge ist alt, und das Große ist jung. Wer die großen Gedanken hat, der erwartet. Sie werden entscheiden, daß er recht hat Im Felde Leo Baeck Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Wir wissen nicht, wer den Schöpfungsbericht verfaßt hat. Als aber der Gottesjude, der dies getan — und irgendeiner muß es doch gewesen sein, einer, der in unserer Luft lebte, der wie wir redete, schlief, aß und atmete —, als jener erhabene Mann Gottes Wort aufzuzeichnen begann, da wußte sein Geist, daß diese Tat Verantwortung größten Stiles sei, und er schrieb wie mit Säulen und nicht wie mit Federn die ersten Worte der Bibel hin: „B'reschiss boro elauhim es haschomajim w'es hoorez". Erstes Wort: „Im Anfang". Wie groß ist nicht schon diese Sprache, wie urklassisch und hochberechnet! Die Nebenwörtchen verschwinden, wie Kolosse ohne Schwebung und Störung stehen die Hauptwörter da; das „In" oder „Im" ist kein Ding für sich; ein Ding, das ist nur: „Anfang", „schuf", „Gott",