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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 83

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Lebensgrund und Lebensgehalt
Date
1917-01-01
Page
83 (sequence 6)
Language
German
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Lebensgrund und Lebensgehalt 83 danke, dem einen das, was empfunden, dem anderen das, was verstanden wird, dem einen das, was im Boden des Unbewußten wurzelt als das Gegebene, dem anderen das, was gelten will und zur Klarheit hindringt. Dies sind mannigfache Worte und mannigfache Bilder und doch wesentlich eines und dasselbe. Was durch sie bedeutet wird in dem vielfachen Vergleich, der das Tiefe vor den Blick stellen will, bezeichnet zwei notwendige Äußerungen, notwendige Akzente des jüdischen Daseins, denlSinn für das Faktische und den für das Messianische oder, um es mit dem prophetischen Satze auszusprechen, für die Erde, die gegründet ist, und für den Himmel, der hinaufwächst. Beide sind sie nichts Gesuchtes und Gemachtes, sondern etwas Gegebenes; denn sie kommen aus der Wirklichkeit hervor. Das jüdische Dasein gibt sie, und darum sind sie in ihm immer dagewesen. In ihnen hat es die Spannung besessen, in der das Leben sich dehnen und wachsen kann. Strömungen und Gegenströmungen solcher Art sind selbstverständlich nichts dem Judentum allein Eigentümliches. Sie treten überall hervor, wo sich die Seele nicht mit dem Tage begnügt, sondern den Zusammenhang sucht zwischen den irrationellen Tiefen und den rationalen Höhen, zwischen dem Gestern, aus dem ihr Heute dunkel emporwuchs, und dem Morgigen, für das die Gegenwart im Klaren arbeiten soll. Alle geschichtlichen Gemeinschaften, die Nationen wie die Kirchen, wissen davon. Überall sind es diese gleichen Spannungen zwischen dem, was Natur und Geschichte festgelegt haben, und dem, was die Idee in den Höhen und Weiten sucht. Die katholischen wie die evangelischen Kirchen kennen diesen Gegensatz und ebenso alle Staaten Europas; er bestimmt die innere Lage wie den Drang nach außen. Er fehlt oder ist schwächer nur dort, wo die Dauer der Geschichte noch nicht oder soeben erst begonnen hat, wie etwa in Amerika, und wo sich der Gedanke der Aufgabe noch nicht entwickelt hat, wie in den Ländern ohne Kultur. Dort allerdings stört nicht im Innern zu lebendiger Zeit unnützes Erinnern, vergeblicher Streit". Wo aber Macht und Kultur erwachsen sind, werden die realen Fragen und die ideellen Forderungen sich im Kampfe gegeneinander durchsetzen wollen. Und sie wollen sich dann auch beide beweisen, jede mit ihrem Maßstabe, ihrer Philosophie und ihrer Ethik. Die doppelte Philosophie ist so entstanden, die der Machtkultur und die der Kulturmacht, und mit ihr die doppelte Moral, die egoistische biologische des Nutzens und die humane des allgemein gültigen sittlichen Imperativs. Auch eine zwiefache Stellung ist in gewissem Sinne damit gegeben. Die eine Moral steht hinter dem Handeln als seine nachträgliche Rechtfertigung oder Entschuldigung, die andere will vor dem Handeln als seine Wegweiserin stehen. Der Gang menschlichen Denkens unter den Völkern läßt sich an dieser doppelten Philosophie beschreiben. Der jüdischen Welt ist sie im ganzen ferngeblieben. Man könnte zwar an die Bestimmungen der alten Nachbarschaftsethik erinnert werden, die zwischen dem Bruder und dem „welcher nicht dein Bruder ist" scheiden; aber sie gehören in ein anderes Kapitel, in das der antiken ständischen Gliederung. Im wesentlichen hat sich die jüdische Lebensauffassung von jenem Dualismus freigehalten. Sie konnte und mußte vor ihm bewahrt bleiben vermöge aer Individualität, aus der sie aufsteigt, vermöge dieser Einheit von Volkstum und Religion, von Lebensgrund und Lebenszweck. Jedes Gebot der Lebenserhaltung ist hier von vorn-

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