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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 82

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Lebensgrund und Lebensgehalt
Date
1917-01-01
Page
82 (sequence 5)
Language
German
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82 Leo Baeck: derum ein Jüdisches, welches bloß die jüdische Idee sein möchte und nichts von ihrem Lebensträger wüßte, nichts von der Daseinsbedingung und vom Daseinsgebot, das bedeutete eine Sterilisation, eine Versetzung in den luftleeren Raum — ein Judentum unter der Glasglocke. Das eine wäre eine Loslösung von dem Lebensgehalt, das andere wäre eine Abtrennung von der Lebensbasis, das eine wie das andere ein bloßes Präparat, aber nicht die lebendige und fortlebende Wirklichkeit. Damit ist jedoch nicht gesagt, daß nicht um der begrifflichen Auseinandersetzung willen sowohl das eine wie das andere bestimmter hervorgehoben, dialektisch in den Vordergrund gerückt werden darf. Und nicht das allein; in der Welt des jüdischen Bewußtseins wird notwendigerweise hier dieses und dort jenes entschiedener ergriffen und stärker empfunden. Jene beiden Elemente können also, getrennt für sich, logische Hilfen zum Zwecke der Erkenntnis und der Darstellung werden, und sie bezeichnen ferner psychologische Strömungen, in welche die Mannigfaltigkeit des jüdischen Denkens und Fühlens auseinandergehen kann. Zunächst das erstere. Es ist eine wesentliche Aufgabe, die Formen aufzuzeigen, in denen die Propheten und ihre Nachkommen sich ihres Verhältnisses zur Ewigkeit, des Platzes in der Gegenwart und des Weges zur Zukunft bewußt geworden sind, die Ideen zu erfassen, die als Religion des jüdischen Volkes Leben vom Leben unserer Väter geworden sind. Es soll dieses Leben erkannt werden, aus dem auch unsere Seele gebildet und gestaltet worden ist, so daß wir darin uns selber entdecken. Nicht jeder wird das gleiche sehen; das Sehen verlangt Auge und Temperament. Aber wer immer diese Wirklichkeit des jüdischen geistigen Lebens zu betrachten und zu ergründen sucht, der muß zunächst einmal auf sie allein den Blick richten, auf ihre Strahlungen und ihre Brechungen, und der geschichtliche Träger tritt demgemäß zurück. Und umgekehrt, jede Zeit hat ihre neuen Fragen und Sorgen, in denen das Lebensgebot der jüdischen Gesamtheit, das Gebot ihrer Erhaltung vor der Seele steht und Antwort heischt. Unser eigenes Dasein spricht darin. Nicht alle hören dasselbe; zum Hören bedarf es des Ohres und des Gemüts. Aber wer immer diese Fragen vernimmt, die stillen oder die lauten, er wird zunächst einmal nur auf die Stimmen des Volkes horchen, des Volkes, das leben will und leben soll, und die weiten Wellen jener geistigen Leistung und Berufung verklingen dahinter. Es gibt Stunden zum Sehen, und es gibt Stunden zum Hören, und es gibt sehende Menschen und hörende Menschen. Wohl der Zeit, welche sie beide hat! Wohl denen auch, welche beides vermögen! Hiermit ist nun auf das andere schon hingewiesen, das Psychologische. In jeder Gemeinschaft gibt es die verschiedenen Typen und Richtungen, je nachdem hier dieses und dort jenes am Gesamtleben stärker erfaßt wird. Sind es wesentliche Kräfte desselben, die so ins Seelische hinaufdringen und sich in ihm akzentuieren, so sind die Sonderungen und Strömungen nicht zufällige, sondern notwendige. Sie sind dann die bestimmten Ausdrucksformen des Ganzen; das Gesamtdasein lebt sich in ihnen aus. Sie sind im jüdischen Dasein vorhanden. Dem einen tritt hier die Macht der Lebensgrundlage, dem anderen die des Lebensgehalts entschiedener ins Bewußtsein, dem einen das Reale, dem anderen das Ideelle, dem einen das kreisende Blut, dem anderen der schwingende Ge-

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