Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Lebensgrund und Lebensgehalt
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 81 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lebensgrund und J-ebensgehalt 81 nicht gerechnet wird" — ein Volk, das durch seine Religion lebt, und eine Religion, die allein durch dieses Volk lebt. Die Bestätigung stellt sich hierfür zwiefach ein. Zunächst die subjektive Bestätigung, die, welche in der Selbstgewißheit besteht, in dieser inneren Erfahrung, in dieser Bestimmtheit des Erlebnisses. Immer, wenn das .jüdische Denken, in seinen wechselnden Gestalten, sich seiner selbst besonnen hat, ist es des Eigentums und der Aufgabe an seinem Anderssein deutlich bewußt geworden. In allen den Denkern und Dichtern unseres Mittelalters kommt es so zum Ausdruck, ebenso zu Beginn unserer neuen Zeit in Mendelssohn, als er seinen Weg zu seinem „Jerusalem" entdeckte, ebenso in den Männern des letzten Jahrhunderts, die unsere Geschichte zu schreiben angefangen haben. Es war so auch, trotz aller Verschwommenheit des Begriffes, ein sicherer Instinkt, wenn in der Gegenwart der Zionismus zum Kampfe gegen die Assimilation aufrief und sich damit sein Schlagwort schuf. Das Anderssein ist immer wieder erlebt worden. Zum gleichen Ergebnis führt dann die objektive Erklärung. Man hat oft versucht, das Jüdische in seiner geschichtlichen Erscheinung zu bestimmen, die Begriffe festzustellen, unter die es eingeordnet werden könnte. Aber man hat es ehrlicherweise immer nur durch sich selber definieren können. Seine Definition ist schon durch seine Existenz und nur durch sie gegeben, wie bei allem, was sich allein und keinem anderen gleicht Das Jüdische ist sui generis und deshalb bloß durch sein Dasein zu erklären; es ist ein Einmaliges der Menschheitsgeschichte geblieben, ein Wort des Weltschöpfers, das nicht mehr wiederholt ward. Deshalb mußte es ein vergebliches Unternehmen werden, das jüdische Dasein entweder in den Begriff der bloßen Nation oder in den der reinen Glaubensgenossenschaft hineinfügen zu wollen. Man hat zwar bisweilen gemeint, das eine wie das andere bindend dargelegt zu haben. Wie in den Kantischen Antinomien der Satz sowohl wie der Gegensatz schlüssig dargetan wird, ähnlich könnte in der Tat auf der einen Seite ganz genau bewiesen werden, daß die jüdische Gemeinschaft eine nationale ist und keine religiöse, und ganz ebenso auf der anderen Seite, daß sie eine religiöse und keine nationale ist. Die zwei Beweise mit ihren entgegengesetzten Ergebnissen hätten die gleiche Evidenz. Und daraus folgt, daß hier eben ungeeignete, unzulässige Begriffe angewandt werden, Begriffe, die für anderes, welches sich in mehreren Erscheinungen bietet, wohl passen, aber nicht für das jüdische Dasein, in dessen Art nur dieses eine ins Leben getreten ist und das daher als sein eigener Begriff dasteht. Das jüdische Dasein ist bisher eine reine geschichtliche Individualität geblieben. Nur als solche kann es erfaßt und verstanden werden, als einzigartige Einheit von Volkstum und Religion, von Religion und Volkstum. Das Individuelle ist nicht mehr zerlegbar, es ist das Persönliche, die besondere Schöpfung und Prägung. Individuum ineffabile. Weder das Element der Religion noch das des Volkstums kann aus dem Jüdischen Dasein herausgenommen werden. Ein Jüdisches, welches bloße jüdische Nation, wie alle die anderen auf unserer Erde, sein wollte und nicht das „eine Volk", von dem das Gebet spricht, das bedeutete die radikalste Assimilation, eine Assimilation, die nicht den einen und anderen nur ergriffe, sondern das Ganze und Gesamte enteignete — ein expropriiertes jüdisches Dasein. Und wie- Hefti/2. ß