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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 80

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Lebensgrund und Lebensgehalt
Date
1917-01-01
Page
80 (sequence 3)
Language
German
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So Leo Baeck: Lüften, auch wenn die Tafeln, in die sie eingegraben waren, zertrümmert sind. Aber auf dieser Erde bedarf sie, um wirklich zu sein, ihres Volkes. Sie soll das „Leben" dieses Volkes sein, aber dieses Volk bedeutet doch auch wiederum ihr Leben. Um der Lehre willen ward Israel geboren, und von Israel wird die Lehre ins Dasein geführt; so lautet die alte jüdische Geschichtsphilosophie. Und im Gange der Geschichte ist es so geblieben; Geben und Nehmen ist zu Einem, zu einem Gegenseitigen geworden. Es blieb die stetige Lebenseinheit: das Volk, welches in seiner Religion und durch sie lebt, aus dem darum jeder sich entwurzelt, wenn diese Religion in ihm von ihrer Kraft nichts mehr hat, und jeder sich ausscheidet, wenn er diese Religion hingibt; und die Religion, welche zu allen Menschen spricht und als allgemeine Wahrheit für alle Menschen da sein will und doch allein durch dieses eine Volk da ist und darum auf Erden verloren sein muß, wenn dieses Volk nicht mehr lebt. Bis heute hat es sich so erwiesen. Daher mußte die Thora auch die Volkserziehung verbürgen. Denn die Erziehung bedeutet Erhaltung, wie im Einzeldasein, so im nationalen Leben. Für das Gute soll dieser Stamm auch darum bestehen, weil nur das Gute ihm den Bestand gibt; Lebenszweck und Lebensgrund werden eines. Alle die vielen „du sollst nicht" gewannen so ihre klare Bedingung und auch eine Sammlung in diesem Nicht, welches an das Volk erging, in diesem Gebot der nationalen Reinheit und Sonderung. Daher setzt denn der klassische Midrasch über die großen Gebote die Überschrift: „ihr sollt anders sein!" Die Voraussetzung und in gewissem Sinne die Summe von allem ist in diesem Satze gegeben. Er will sagen, daß das Wesen und das Leben des jüdischen Volkes nur darin sich gründen und sich finden kann, daß es sich von den anderen unterscheidet; darin ruhen ihm die Existenz und die Bedeutung. Im allgemeinen ist das allerdings von jeder großen Kulturaufgabe gesagt, von dem Glauben an den eigenen Besitz mit seinem Gefühle der Verantwortung vor den kommenden Geschlechtern. Jede Kultur beginnt mit dem Anderssein und besteht durch das Bewußtsein ihrer Eigenart. Es ist eine alte Wahrheit, daß die Form des Entstehens auch die des Bestehens ist. Und ebenso ist es in aller Erziehung ein Lehrsatz, daß sie auf die Gesamtheit sich auch richten muß. Überall, wo nicht die Jünger Buddhas hinausgesandt werden sollen, muß die sittliche Umgebung, die engere und weitere, gefordert werden. In sie tritt der Einzelne hinein, und sie wird ihn gestalten, und an sie ergeht darum das Gebot ihrer Reinheit und Unterschiedenheit, das Gebot der Sitte und des daraus erwachsenden Rechtes. Aber für die jüdische Welt gilt das alles in weit eigentlicherem Sinne, schon wegen ihrer Kleinheit, die sehr bald als geschichtlicher Minoritätscharakter erscheint, und vor allem vermöge dessen, daß Anfang und Zweck, Volkstum und Religion in ihr völlig eines sind. Sie ist eine Glaubenswelt, die von Beginn an und je länger, desto mehr ihr ganzes Dasein durch den Widerspruch gegen den Glauben aller der anderen bestimmt wußte, und die gegenüber so vielen widersprechenden Tatsachen der harten Wirklichkeit existieren konnte nur durch den Glauben an sich selbst. Sie ist geistig geschaffen worden durch die Erkenntnis von dem eigenen Licht, von dem eigenen Mittelpunkt der Bewegung. Das ist die Form ihrer geschichtlichen Existenz, die Bedingung ihrer geschichtlichen Dauer geworden. Das Bewußtsein der Berufung, der Auserwählung trägt hier die Geschichte. „Siehe, ein Volk, das besonders wohnt und unter die Völker

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