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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 79

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Lebensgrund und Lebensgehalt
Date
1917-01-01
Page
79 (sequence 2)
Language
German
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Lebensgrund und Lebensgehalt 79 Ähnlich spricht es sich eigentlich auch in der Bibel aus. Bei ihrem Nicht bleibt dem vielgestaltigen Willen der Menschenkinder sein Platz. Bei den Erben der Bibel ist es ebenso ausgeprägt. In ihnen wird es zur Besorgnis davor, daß zu ihrem geschriebenen Worte ein neues geschriebenes, vorschreibendes Wort hinzugefügt werde. Und als man doch wieder niederschreiben mußte, zog man schließlich die kommentierende Art dem Kodex vor. Der Kommentar will zurechtlegen und verhüten, wie jenes Nicht; er stellt die Aufgabe aber von neuem hin. Der Kodex dagegen schließt ab und nimmt so, indem er zu geben scheint. Der Kommentar läßt den Späteren ihr Übriges, der Kodex will selber die Zukunft sein. Der ganzen mündlichen Lehre bedeutet derart die Bewegung mehr als das Ziel. Das Nicht in seinem Sinne und Werte bleibt bewahrt. In ihm besitzt die Thora, die alte wie die jüngere, ihre sichere pädagogische Kunst. Alle Erziehung besteht vorerst darin, man möchte sagen, das Gefühl für das Saubere, für das körperlich und seelisch Reine zu wecken. Sie sagt darum zum Menschenkinde zuerst: „du sollst nicht, behüte dich!"; sie belehrt, wonach sich die Hand nicht ausstrecken, wonach das Herz nicht begehren soll. Dieses Nicht ist das Deutliche, das erste Bestimmte der Pädagogik, ihr Greifbares; es ist das, was unser altes Wort „Gottesfurcht" meint. „Zum Menschen spricht er: Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, und das Böse meiden, das ist Vernunft." Der Sinn für die Wirklichkeit der Erziehung hat hieran immer festgehalten. In einer Zeit, die, ähnlich wie die unsere, für Persönlichkeitskultur schwärmte, hat Jean Paul die durchaus jüdische Lehre gepredigt, man solle seine Herzenskultur nicht mit dem Ausbau der guten Triebe, sondern mit dem Ausscheiden der schlechten anfangen. Damit beginnt es in der Tat; das Positive kommt von einem Nicht her. Erst müssen wir es erkannt haben, wohin wir nicht gehen und wovon wir fortgehen sollen, dann vermögen wir schließlich zu uns selber zu gelangen. Ein Beispiel nur aus den Erfahrungen der Geschichte. Sie zeigen, wie die Mahnung „du sollst nicht lügen11 den Willen des Martyriums, das Heldentum der Wahrheit hat erwachen lassen. Wö das Gebot „sprich die Wahrheit" voranstehen und genügen sollte, dort wurden wohl eher die Leute der Rede oder auch der Phrase geschaffen, vielleicht im besten Falle Schwärmer oder Bekennernaturen. Selbst der Mann, der gegen das „Gesetz" am schärfsten gekämpft hat und es überwunden meinte, hat ihm das eine zugestanden, daß es der große Pädagoge sei; er hat dabei sicherlich an jenes Nicht vor allem gedacht. Der erzieherische Wille in der Thora ist aber durch ein Weiteres ganz bezeichnet. Es ist ihr Eigentümliches, daß sie nicht allein auf die individuelle, sondern ebenso sehr auf eine nationale Pädagogik hinzielt. Wie sie den einzelnen Menschen, den einzelnen Israeliten heranbilden will, ganz ebenso ist es ^re, bewußte und unbewußte, Absicht, die Gemeinde Israels zu schaffen. Auch das ist ein notwendiger Anfang. Jede Wahrheit hat ihre Wirklichkeit im Reiche der Ideen, aber in dieser irdischen Welt bedarf sie der Menschen, um zu existieren, und jede fortdauernde Existenz der Menschen beruht auf einem Zusammenleben, auf einer Kultur. Die Thora als solche könnte auch in reinen Sphären schweben, wie das alte Gleichnis sagt: ihre Buchstaben fliegen in den

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