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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 75

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Vergessene Kunst
Date
1917-01-01
Page
75 (sequence 11)
Language
German
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Vergessene Kunst 7S Zum Zwang stumpfen Werkens kam die Freude am Schaffen, der schlichte Mann ward Künstler. Wiederum tritt das Relief als eine sich einheitlich abhebende, streng geschlossene Fläche aus dem vertieften Grund heraus, Kraft- und ausdrucksvoll, in dicht geschlossenen Reihen quellen die herrlichen Zeichen der hebräischen Quadratschrift aus dem Stein, als eine harte Gebärde zum Sinn des Psalmverses. Und darüber und ringsherum, geschlossen, steinhart, aber doch voll eigenen sprossenden Lebens das Füllornament und die Umrahmung. Ungesuchte Sinnbilder, in denen ein Raunen mythenbildender Vergangenheiten auf dem Totenfelde vom Sinn des Lebens spricht. Es ist, als ob das im Stein schlummernde Wissen vom Geschehen in der Welt der Vergänglichkeiten nach Ausdruck gesucht hätte in diesen Zeichen und Gebilden. Die Not, die Beschränkung des einfachen ornamentalen Flachreliefs wurde hier, wie noch in jeder edlen Volkskunst, zu einer unzweifelhaften Tugend. Denn dort, wo der Stein zu einer plastischen Darstellung, zu einem zusammengesetzten architektonischen Gebilde gestaltet wird, hört er auf Stein zu sein. Er ist nichts als tote, willenlose Masse, die im neuen Inhalt ganz aufgeht. Der Sinn des Grabsteins ist aber, daß der Stein als Stoff am Inhalt auch teil habe. Er selber soll zeugen, nicht etwas, wozu er als Stoff geformt wurde. Geebnet zu einer Tafelfläche, bleibt er, was er war, Stein, und spricht in Zeichen und Bildern, die ihm entquellen. Ein tiefer Sinn ist in dieser Begrenzung. Ein gegenüber dem Augenblick des menschlichen Leben Dauerndes spricht vom Vergehen, gibt Zeugnis von Taten und Leiden, die, auf eine kurze Weile auf die Oberfläche der Wandlungen getrieben, in ihr Nichts wieder versunken sind und doch vielleicht Ewigkeitswerte haben. Und wiederum ist es das instinktive Verständnis für die Natur des Stoffes, das sich hier kundgibt. Mag der abendländische Künstler symbolische Gebilde auf das Grab setzen, zu welchen der Stein, wie anderes passendes Material, verwendet wurde. Der schlichte Jude setzt auf das Grab den Stein und läßt ihn in Zeichen sprechen. Wundervoll sind diese Zeichen. Unvergleichlich ist die Meisterschaft, mit der der jüdische Zeichner Ornament und Schrift in den Rahmen einer geschlossenen Fläche hineinsetzt. Man könnte den Satz aufstellen, daß für das Problem des Flachornamentes hier sowohl wie in der Kunst der Handschrift und Buchdrucks, in der Gold- und Silberstickerei Schönheiten geschaffen und Prinzipien durchgesetzt wurden, die, sobald sie in ihrem vollem Umfang entdeckt und nach ihrem inneren Wert gewürdigt sein werden, als klassische Vorbilder Geltung erlangen müssen. Wie weit ist man jedoch hiervon! Gleich allem übrigen ist auch das Letzte, was noch scheinbar am Leben geblieben ist, die in ihrem dekorativen Wert einzig dastehende hebräische Letter dem Gesetze inneren Verfalls nicht entgangen. An der Vernichtung ihres Schönheitsinhaltes arbeiten einträchtig sowohl der gemeine Handwerker, wie der hochmoderne jüdische Künstler, der sich unberufen ihrer annimmt. A 7- Aus der Betrachtung der Geschicke und der Daseinsbedingungen des nunmehr zweitausend Jahre heimlosen jüdischen Volkes hat sich ergeben, daß es ihm für die Schaffung und Entwicklung der freien bildenden Künste an objektiver Voraussetzung mangelte. Dies gilt nicht nur für Bauten und Skulpturen, sondern auch für die Malerei.

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