Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Vergessene Kunst
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 76 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101128-3101824--1294-3101946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
76 Sigmund Bromberg-Bytkowski: Die Malerei war bis in die neueste Zeit durchaus an die Innenräume gebunden, für welche sie geschaffen ward. Hiervon bildet auch die Tafel- und Leinwandmalerei keine Ausnahme. Die Juden hatten für Bilder keine Wände, weil sie keine Bauten hatten. Selbst für das äußerst beschränkte Maß jedoch, in dem von solchen die Rede sein kann, gab es für die Malerei kein Bedürfnis. Gestiftete Bilder, wie sie insbesondere in der christlichen Kunst Regel waren, würden nicht bloß der Vorschrift, sondern dem Geist des Judentums widersprechen. Die jüdische Gottvorstellung konnte durch keine legendären bildlichen Darstellungen zum Ausdruck gelangen, die jüdische Frömmigkeit konnte nicht darin Ausdruck suchen. Kamen sohin in den Synagogen biblische Darstellungen vor, so hatten sie also schon deswegen einen ephemeren Charakter, weil diese Darstellungen weder mit dem Gottglauben noch mit der Frömmigkeit in einem inneren Zusammenhang standen. Als Vorwurf zur Wandausschmückung waren sie gedacht, als solcher waren sie auch empfunden. Als Wandschmuck standen sie jedoch naturgemäß tiefer als der sonstige farbige Schmuck, weil sie nicht organisch ornamental mit der Wandfläche verbunden waren. Was dem christlichen Künstler über diesen formalen Widerspruch hinweghalf, der Inhalt des Bildes, auf den es ihm vor allem ankam, das war für den Juden nicht vorhanden. Sein Verhältnis zum Weltschöpfer, zu dem Gott seiner Väter, konnte nicht in eine anekdotenhafte bildliche Darstellung gefaßt werden. Da half nur das inbrünstige Wort. Ähnliches muß von der weltlichen Malerei gelten. Was könnte der Jude, selbst wenn er Paläste zur Ausschmückung hätte, dem Künstler als Vorwurf geben? Pomphafte Aufzüge, Triumphe, Huldigungen, Krönungen? Nichts dergleichen gab es für ihn. Und wenn es sie gegeben hätte, sie wären ihm zu nichtig gewesen, wie alle die weltlichen Vorgänge, die in den bildlichen Darstellungen festgehalten wurden. Und so fügt sich zum Mangel der objektiven, wohl auch im gewissen Sinne der Mangel an subjektiver Voraussetzung. Es ist die Geistesrichtung des Juden, wie des Orientalen im allgemeinen, welche ihn beim Anekdotenhaften im Bilde kalt und fremd bleiben ließ und ihn mehr zu dem Mystisch-Ornamentalen hinzog. Sie mag einseitig sein, sie mag anderseits vielleicht gewisse Ausblicke auf die künftige Entwicklung der jüdischen bildenden Kunst unter den neuen Bedingungen des modernen Lebens gestatten, mit dem Mangel an Veranlagung für bildliche Gestaltung darf sie nicht verwechselt werden, sie hat nichts mit ihm gemein. Ein Beweis dafür ist die jüdische Kleinkunst. Zwei Grundelemente sind es, die ihren vielfältigen Erscheinungen einen gemeinsamen Charakter aufdrücken. Das der überlieferten Motive und das der überlieferten Formprinzipien. Beide wurdeln ebenso in der Überlieferung selbst wie im Charakter und in der Geistesrichtung zes jüdischen Volkes. Die Motive pflanzen sich in einer ununterbrochenen Kette, vielleicht seit den ersten tastenden Versuchen der Kunstübung fort. Manche ihrer Glieder mochten mit der Zeit verschwinden, andere hinzukommen. Alle sind sie auch durch außerhalb der Kunst einhergehende Überlieferungen gebunden. Ihr frühestes Auftreten, ihre Herkunft im einzelnen, ihre vielfachen Zusammenhänge mit altüberlieferten und neuhinzukommenden nichtjüdischen orientalischen Motiven sind noch nicht aufgedeckt, ihr naiver und doch tiefer Sinn und ihre Schönheit noch nicht ausgedeutet.