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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 74

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Vergessene Kunst
Date
1917-01-01
Page
74 (sequence 10)
Language
German
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74 Sigmund Bromberg-Bytkowski: Banner und Bänder, als Fußgestell verwendete geharnischte Ritter oder Elefanten kommen im jüdischen Silber nicht vor. Der Leib eines Vogels oder Vierfüßlers dient nicht als Weinbehälter.*) Dem jüdischen Meister bleibt das Gefäß immer Gefäß, das Gerät immer Gerät, dessen Charakter nicht durch eine artige Vermummung verdeckt werden soll. Wie ihn dieser sachliche Sinn vor geschmacklosen Spielereien bewahrt, so bewahrt er ihn auch vor Techniken, die der Natur des Stoffes widersprechen, sein Wesen fälschen und zu unorganischer ornamentaler Flächenfüllung führen, wie z. B. das seltsamerweise so hochgeschätzte Niello. Ebensowenig gibt er seinem Metall Formen, die aus dem Wesen eines anderen Stoffes entwickelt sind, Formen oder ornamentales Beiwerk, die der Textil- oder Korbflechterkunst, der Töpfer- oder Steinschneidekunst entlehnt wurden, oder endlich ganz abstrakte, willkürlich ohne Zusammenhang mit irgend einer Stoffart konstruierte Formen, wie sie oft das moderne Silber aufweist. Die Grundbedingung einer jeden echten angewandten Kunst, daß die Form aus dem Zweck und Sinn des Gegenstandes und der Natur des Stoffes hervorgeht, und daß sich das Ornamentale der Grundform nur unterordnend fügt oder gesellt, wird in der jüdischen Silberschmiedekunst fast nie verletzt. Ihr ist die Gestaltung nur eine Bewältigung und Bannung des Stofflichen, nicht dessen Vergewaltigung, und das allein stellt sie schon hoch über die anderen, weil im Bewältigen auch ein verständnisvolles Werben ist und die Liebe des Gestalters, der im Stoff nicht tote Masse, sondern ein Lebendiges sieht, worin er Eingebung sucht. Deshalb blinkt, schimmert und leuchtet das jüdische Silber so wunderbar in allen seinen Biegungen und Faltungen, Schnürungen und Schwellungen. Deshalb atmne seine Formen so viel Eigenleben und liebliche Anmut. Aus inneren Trieben des Stoffes heraus scheint eine jede geworden zu sein und prangt in der bescheidenen Schönheit eines Naturgebildes. 6. Äußerst bescheiden sind die Aufgaben der jüdischen Steinmetzkunst. Alles Großmonumentale, anspruchsvoll und frei auf den Plan Tretende mußte ihr naturgemäß versagt bleiben. Ragende Tempel und Paläste, Hallen, Terrassen und Wandelgänge waren nicht zu schaffen und zu schmücken. Das ganze große Gebiet der Rundplastik und der Architektur war für sie nicht vorhanden. In die Ruhefelder der Abgeschiedenen, auf den guten Ort" des durch das Leben gehetzten Juden flüchtete sich die Kunst des jüdischen Steinmetzen. Was sie da zu bilden hatte, war einfach und Sache des gröbsten Handwerks. Eine aufrechte Grabtafel, in selteneren Fällen ein Sarkophag von hergebrachten Formen, mit Inschriften bedeckt. Aber der Meißel des Handwerkers sollte die glatte Fläche des Steins belebend füllen und von der Außenwelt abschließen. Durch eingegrabene oder durch erhaben aus dem Stein tretende Zeichen. Und da geschah es, daß über den armen Handwerksmann, der nächst dem Friedhof unter seinen Steinen sein mühevoll undankbares und hartes Gewerbe betrieb, der Geist einer alten, edlen Meisterschaft kam, seine Seele mit Schönheiten überlieferter Eingebungen und Kunstgesetze füllte und seine Einbildung beschwingte. •) Eine einzige Ausnahme bild6t vielleicht die Gewürzbüchse aus Silberdrahtgeflecht, welche die Form eines Taubenschlags hat.

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