Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Vergessene Kunst
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 73 (sequence 9)
- Language
- German
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Vergessene Kunst 73 fachen Ursachen veranlaßt, in Gold und Silber, als bleibend wertvollem, leicht beweglichem und veräußerlichem Gut seine und seines Hauses Zukunft zu sichern. So vererbte es sich zwar von Eltern auf Kinder, es wurde aber auch oft zu klingendem Geld gemacht, wenn die Not der Zeit es gebot. Von Natur weniger haltbar, wanderte denn das Silber nur zu oft in die Schmelze. Da in solchen Dingen endlich, die den verfeinerten Lebensgenuß begleiteten, der Zeitgeschmack mit seinem rascheren Wechsel einen stark bestimmenden Einfluß haben mußte, so ist das, was von der Kunst des Silbers auf uns herübergekommen, nach Herkunft sowohl, wie nach Stil jünger, und was an ihr eigentümlich ist, liegt dem Blick des Betrachters weniger offen als bei den Erzeugnissen der Messingkunst. Nicht in der Besonderheit der Zweckform selbst ist zumeist dieses Eigentümliche zu suchen und zu finden, sondern in der Vorliebe für eine durchaus sachliche Lösung des Vorwurfs, für eine gewisse Art der Formung im allgemeinen, der dekorativen und ornamentalen Ausstattung und der Metallbehandlung. Der jüdische Silberschmied weist dieselbe Vertrautheit mit den Eigenheiten seines Metalls auf wie der Messingschmied. Und er stellt sich ebenso liebevoll in deren Dienst wie jener. Nichts Außerordentliches und nichts Fremdes will er ihm abgewinnen. Dafür aber alles, was in seiner Natur enthalten ist. Wie der Gärtner die Keime der Pflanze, bringt er das Wesen seines Metalls zur Entfaltung. War in der Messingkunst zähe Festigkeit und Spannkraft zum Ausdruck gekommen, so scheinen sich aus dem schmiegsamen und weicheren, dünnblättrig hämmerbaren Silber triebhaft sprossende Formen zu entfalten. Dies tritt insbesondere bei gegliederten Gebilden wie Kannen, Kelchen, Leuchtern hervor. Bei schweren, massigen Geräten, bei flachen oder glatten Formen, hat zumindest die Randbekränzung etwas Sprießendes in ihrer welligen Gestaltung oder im Rankenwerk des Ornaments. Freilich liegt diese Art der Formengebung schon in der des Rokoko selbst, in dem das schönste jüdische Silber, das auf unsere Zeit gekommen, geformt wurde. Wenn es jedoch sonst im Rokoko an naturalistisch übertragenen, wiewohl stark stilisierten Formelementen nicht mangelt, so ist beim jüdischen Silber das pflanzlich Triebhafte nicht in roher Nachbildung, sondern im Sinn der Form enthalten, der Natur des Stoffes entsprechend, die dadurch zum Ausdruck gelangte. Denn es ist ja die Weichheit des Silbers doch etwas anderes, als die der Pflanze, selbst wenn es anderen Falls gerechtfertigt wäre, bei Zweckgegenständen Nachbildungen von Pflanzenteilen anzubringen. Übrigens kommt im Rokoko das süßliche Arrangement von geschweiftem Phantasieblattwerk überall vor, im Stein sowohl wie im Metall, in Skulptur wie in Malerei. Kein Gedanke wird damit ausgedrückt. Der jüdische Meister verwendet aber nicht ein metallisch erstarrtes Blattwerk zu einem Henkel, sondern biegt seinen Henkel so weich wie ein Blatt. Dadurch wurde er der Weichheit des Silbers gerecht, ohne aus seiner Kunst eine Fälschung oder Lüge zu machen. Auch die sonstigen kindisch-rohen und bizarren Einfälle, die in der Silberschmiedekunst Europas einen so bedeutenden Raum einnehmen, waren dem jüdischen Meister fremd. Pomphafter architektonischer Aufbau, Tempel, Kirchen und Kapellen, Türme, Säulenhallen, Stufen, Sockel, Gebälke und anderer niedlicher Unsinn, der auf den Tisch gestellt wurde, Ährengewinde, im Flattern erstarrte