Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Vergessene Kunst
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 72 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Sigmund Bromberg-Bytkowski: Und das vollzog und vollzieht sich allwöchentlich einmal, all die Jahre, all die Jahrhunderte hindurch, in all den verschiedenen, einander fernen und nahen Ländern der jüdischen Diaspora. Ein ewiger Rhythmus voll tiefster Bedeutung! Der ewige Rhythmus der Sabbatheiligung, der Inbrunst der Gebete und der festtägigen Erhebung ist es, aus dem heraus, in dessen Dienst der jüdische Meister seine Leuchter schuf, eine Schöpfung, die in ihrer bescheidenen, innenräumlichen Art sich wohl ebenbürtig neben die große außenräumliche Schöpfung der griechischen Säule stellen darf. Aus dieser Inbrunst und Versunkenheit in Gott vor allem und nicht nur aus den Überlieferungen des Ostens und uralten Erinnerungen ist es zu erklären, daß in diesen Leuchtern konstruktive Gestaltung sich so innig mit mythischer verbindet, daß sich heraldische, dunkelbedeutungsvolle Zeichen, Fabeltiere, Außer weltstiere, Gebilde brütender Phantasie durch die Konstruktion winden nicht als äußerer Schmuck nur, sondern in die Gestaltung hineingewoben. Ein Stück jüdischer Gottessehnsucht und jüdischer Mystik, aber auch ein Stück der Sehnsucht nach Glück, Wärme und Licht ist es, das in diese Gebilde gebannt wurde. Ernst, Würde und festliche Sabbatstimmung bringen sie in das Heim des frommen Juden, aber in ihrem Funkeln und Leuchten verfangen kommt auch etwas von der Sonnenhelle und Sonnenfreude des Draußen in die düstere Kammer des weltabgeschiedenen Ghettos. Denn über allem vom Künstler Geschaffenen webt die Trunkenheit der Daseinsfreude. 5- Sie webt in noch höherem Grade über der Kunst des Edelmetalls. Die heiligen Geräte der Bethäuser, die Toraschilder und Kronen, die silbernen Leuchter, die mannigfachen silbernen Trink- und Prunkgefäße, die Flaschen, Kannen, Becher und Pokale, die Schalen, Platten und Büchsen entfalteten am Sabbat und an den hohen und frohen Feiertagen ihre schimmernde Pracht. Sie verliehen den Familienfesten höheren Glanz, waren Künder gehobener Freudestimmung. Bei Hochzeit und Beschneidung wurden sie gerne dem minder reichen Gastgeber geliehen, und mancher der geladenen Teilnehmer ergötzte sein Auge am Prunk des Silbers, das er selbst beigesteuert hatte. Es gab Stücke, die im Schrein geduldig das ganze Jahr auf ihre Stunde warteten, in der sie hervorgeholt, ihrem bestimmten Zweck zugefühit wurden. Mit weitgeöffneten Augen sahen dann die Kinder des Hauses zu, wie in die Büchse, die täglich aus ihrem Versteck hinter dem Glas so vertraut und doch so fremd geheimnisvoll zu ihnen herüberlugte, nun der Vater weihevoll den Ethrog bettete. Wenn so das Silber mit dem Rhythmus des Volkslebens mitschwang, so war es dennoch nicht so innig mit ihm verwurzelt wie das Messinggerät. Ein Teil von ihm, wie das Tafelsilber, bis zu einem gewissen Grade auch das Trinkgerät, war vom Kult und Nationalbrauch ganz unabhängig. Es diente so allgemeinen Bedürfnissen der Behaglichkeit, daß es sich in der Form sehr wohl dem Stil der Umwelt anpassen konnte. Der jüdische Silber-, noch mehr der Goldschmied arbeitete allenfalls mehr als der Meister des Halbedelmetalls auch für nichtjüdische Käufer. Er war hierbei gezwungen, sich an allgemein gebräuchliche Formen zu halten, wenn er sie auch oft selbst mitbestimmte. Eine weitere Anpassung führte der Umstand herbei, daß die Anschaffung und Häufung des Edelmetallgeräts in früheren Zeiten in bedeutend höherem Maße als heute auch der Vermögensanlage diente. Insbesondere der Jude war aus mannig-