Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Vergessene Kunst
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Vergessene Kunst 71 Schaffen von Beleuchtungsgegenständen gewidmet hatte? Oder steckt darin ein tieferer Sinn, der auf das vorher über das Verhältnis zwischen Bedürfnis und Kunstschöpfung Angedeutete ein helles Schlaglicht wirft? Vergangen waren längst die Zeitläufte, in denen im Lande Israel der Jude nach seiner heiligen Stadt Jerusalem wandern konnte, um mit der Gesamtheit des Volkes an den großen Festtagen sich vor Gott zu versammeln. Kein Sammelort war ihm mehr Jerusalem, sondern Gegenstand eines süßen, unvergänglichen Träumens. Schon lange vorher ist der Brauch aufgekommen, daß sich in den Einzelgemeinden das Volk in Bethäusern versammelte, um in den heiligen Büchern zu lesen und die Seele zu Gott zu erheben. Das Volk löste sich nun ganz in eine Vielheit von Gemeinden auf, die sich über die ganze Welt zerstreuten. Und außer der heiligen Schrift, der sorgfältig gehüteten Überlieferung und der wehmütigen Erinnerung an das hehre glanzerfüllte Einst — halb dahingegangene Wirklichkeit, halb berückender Traum — nahm es vielleicht nur noch den Leuchter aus dem Tempel mit, den siebenarmigen und die anderen. Und allwöchentlich kam für diese über alle Länder hingestreuten Teile des Volkes, für seine unter eine fremde mißgünstige Welt versprengten Gemeinden mitten im härtesten Kampf des Lebens ein Tag der Ruhe und Weihe, wie einst im heiligen Lande der Väter. Allwöchentlich, wenn sich am Freitag die Sonne unter den Himmelsrand senkte, wurden die Sabbatlichter angezündet. Im ganzen Ort zu derselben Stunde, und wie sich westwärts diese Stunde des anbrechenden Abends immer weiter verpflanzte, so zuckten in derselben Abfolge auch immer weiter westwärts die Sabbatlichter auf, Jahrhunderte hindurch, bis sie eines Tages auch über das Weltmeer hinüberkamen und im westindischen Neuland den Sabbat einzuleiten begannen. Und die Bethäuser der Gemeinden füllten sich und das Volk stand da und betete zu Gott. In den Kronleuchtern aber, die von der Decke herabhingen, und in allen Wand- und Standleuchtern brannten die Kerzen in flackerndem Licht. War es nur Glanz, den sie ausstreuten? Nein, es war die Weihe, die Weihe des Sabbats. Die Sterne, die einst in den Kindheitstagen des Volkes den Wüstenwanderer mit Ewigkeitsgefühl erfüllten, sind vom Himmelsgewölbe heruntergestiegen und flackern in den Leuchtern der Gemeinde zur Stunde der Inbrunst und Weihe. Und in all den Häusern und bescheidenen Wohnstuben der Gemeinde brennen schon zur selben Stunde die Sabbatlichter. Von der Decke herab, auf Tisch und Truhe. Die Hausmutter hat über sie ihren Segen gesprochen, und sie warten auf die Heimkehr des Hausvaters. Denn auch für das Haus ist es der Abend der Weihe. Das Häßliche, das Verzerrte und Schmutzige des Lebens, es wurde weggeworfen. Eine innere Umwandlung hat sich vollzogen in jedem und in allen. Der reiche Geldverleiher, der mächtige Kaufherr und der kleine Krämer, der müde Handwerker, der sich Nacht für Nacht die fleißigen Finger an der Nadel wundnäht, und der Wasserträger, der den ganzen Tag volle Kannen in die Wohnungen der Vornehmen und Bemittelten schleppt, sie sind verschwunden. Nicht Hochgestellte und Gebückte, nicht Hoffärtige und Bescheidene, Böse und Gute, Törichte und Kluge gibt es jetzt unter ihnen, denn über allen ist die milde Weisheit der Weihe. Es sind Könige, die da im Kreis der Ihren sitzen und ihr Abendmahl beim flackerndem Schein der Kerzen verzehren am Abend des Herrn.