Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Vergessene Kunst
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Vergessene Kunst 69 des Stoffes nicht gefordert und bedingt, willkürlich und ohne Ausdruck. Sein Glitzern tötet, insofern es nicht als breiter Glanz auf geschnittenen Flächen und Wandungen auftritt, alle Form. Ein protzenhafter toter Flitter sind die venezianischen Kronleuchter, nicht ein organisches Gebilde. Der Jude aber suchte ein solches. Und er schuf den berühmten holländisch-jüdischen Kronleuchter aus Messing. Was beim Glas Willkür ist, wird hier zum Ausdruck innerer Kräfte, Spannungen und Strebungen des Stoffes einerseits, aber auch Ausdruck von Zweckinhalten und von Gefühlsstimmungen des Schöpfers anderseits. Ein organisch in den Raum sich entfaltendes, lebenatmendes Gebilde ist dieses Gewirr von straff und doch schmiegsam ausgreifenden Armen, die sich um den Hauptkörper ordnen, der in seinen Schwellungen und Schnürungen und in seinem prachtvollen kugelförmigen Abschluß nach unten schon selber eine wundervoll lebendige Gliederung aufweist. Die Arme streben zuerst in federndem Schwung nach oben und außen, um dann, vom Hauptkörper angezogen, sich nach unten der Mitte zu nähern und endlich wie im letzten Überwinden der anziehenden Mitte wiederum nach oben und außen aufzuschnellen und in einer Kerzenschale zu enden. Darüber neigen sich in anmutigem Widerspiel, wie feine Fühler eines Insekts, die kürzeren Ärmchen mit den kleinen Lichtspiegeln. Oft türmen sich die strahlenförmig auslaufenden Leuchterarme kreuzweise übereinander, die einen länger, mächtiger und kühner geschwungen, die anderen in bescheideneren und kürzeren Windungen sich knospenartig dazwischendrängend. Oder es verzweigen sich die Hauptarme in mehrere Nebenarme. Es ist ein liebliches, rhythmisches Spiel zwischen strotzender, treibender Kraft und nachgebender Biegsamkeit, zwischen Stoß und Zug, zwischen Auf und Ab und zwischen Lotrecht und Wagrecht. Und alles das wird gleichsam beherrscht und zusammengehalten von der Prachtkugel des Schaftes, die durch ihre Form die Rundungen und Biegungen aller Glieder und Gliederteile vorzeichnet. Zu bewundern ist neben dem feinen Spiel der Linien die schöne, wirkungsvolle Durchbildung der einzelnen Teile und der feine Sinn, mit dem ihre Maßverhältnisse zueinander und zum Ganzen abgewogen sind. Nicht minder organisch, wenn auch minder lebenatmend sind die anderen Grundformen des Kronleuchters, wo an Stelle des Schaftes mit der kugelförmigen Ausladung ein breites schöngeriffeltes Becken oder ein schildartiger, in der Mitte nach oben und nach unten in reicher Gliederung sich entfaltender Kern treten, die auf oben zusammengeschnürten Ketten hängend die Basis bilden für die strahlenförmig sich ausbreitenden Leuchterarme, In jener Grundform kommt mehr die treibende Entwicklung in den Raum, in diesen die Sammlung um einen frei schwebenden Kern zum Ausdruck, in jener herrscht mehr das Prinzip der Bewegung und Kraft, in diesen das der Ruhe und des Gleichgewichts vor. Auch die anderen Arten der Leuchter weisen klassische Formen auf. So schon vor allem der einfache, von der Drechslerbank kommende kleine Tischleuchter, em Muster angewandter Volkskunst. In den Wandleuchtern, in den stehenden Armleuchtern, unter denen der siebenarmige noch seine palästinensische schöne Grundform bewahrt hat, in den Chanukaleuchtern und Chanukalampen ist eine mit ornamental stilisierten Tier- und Pflanzenmotiven konstruktiv spielende Phantasie am Werk.